Enzyklopädie meines privaten Weltwissens


A wie Alter


Klüger altern – Die sieben goldenen Regeln 
 
Erste Regel: Lassen Sie sich keine Regeln vorschreiben! Noch nie gab es so viele Besserwisser wie heute. Was wir nicht alles tun oder lassen müssen, um zufriedener, schöner, gesünder zu altern! Vergessen Sie es! Kein Seepferdchen für Senioren, kein Sprachkurs in Alzheim, kein Tantra für Tattrige. Das wahre Glück des Alters: Sie müssen gar nichts mehr müssen. Altwerden heilt vom Jugendwahn. Also tun Sie nichts, was Sie nicht tun wollen. Niemand kann Sie zu gar nichts mehr zwingen. Verweigern Sie den Wettbewerb. Leben Sie sorgloser!  „Ich werde nicht alt“, wird sich mancher in den siebziger Jahren gedacht haben, als die Erde auf dem Kopf stand und selbst seriöse Propheten wahrsagten, dass wir in naher Zukunft ohne Öl im sauren Regen stehen werden, weil der kalte Krieg unweigerlich im nuklearen Winter enden wird. Keine der düsteren Vorhersagen wurde wahr. Sicher, die Welt steht immer noch Kopf, dennoch versprechen uns die Statistiker, dass wir alle deutlich älter werden, als wir es je hoffen konnten. Wir hier in diesem Land haben sehr viel Glück in dieser Zeit, an diesem Ort zu leben. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war für so viele Menschen die Chance so groß, gesund zu altern - wenn das Schicksal uns von Krankheiten verschont. Da hilft es vorzubeugen. Aber dafür braucht es keine dicken Ratgeber. Die wichtigsten Empfehlungen der Altersforschung lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Gehen Sie regelmäßig zum Arzt. Essen Sie, was Sie wollen, nur nicht zu viel. Trinken Sie, was Sie wollen, nur nicht zu viel. Verzichten Sie aufs Rauchen und aufs Nörgeln. Gehen Sie jeden Tag eine halbe Stunde spazieren, und schon sind Ihnen mehr Lebensjahre geschenkt, als Sie je für möglich hielten. Die entscheidende Frage: Was fangen Sie mit den vielen gewonnenen Jahren an? Glaubt man den Jungen, ist das Alter eine sehr düstere Zeit, in der sich seniorengesteuerte Roboterrollatoren um die letzten Pflegeplätze balgen. Lassen Sie sich keine Angst machen, da ist viel Neid im Spiel. Altern wird viel zu häufig als Problem begriffen, aber nur jeder Siebte hierzulande ist von Armut bedroht, nur jeder Zehnte der über Neunzigjährigen wird dement. Die Armut, die alle angeht, ist die seelische Armut. Die schlechte Nachricht: Viel zu viele Menschen fühlen sich im Alter einsam. Die gute Nachricht: Sie haben immer noch sich selbst. 
 
Zweite Regel: Lernen Sie sich erst mal richtig kennen. Dafür hatten die meisten in ihrem Leben noch gar keine Zeit. Sie werden älter, als Sie denken, aber das bedeutet noch lange nicht, dass Sie jung bleiben. Wenn manche Alte jünger wirken als viele Junge, dann hat das nichts mit der Zahl ihrer Lebensjahre zu tun. Weder die Seele noch die Vernunft sind jung oder alt. Alt wird, wer stur wird. Sturheit ist eine Verholzungserscheinung des Hirns. Das Altern beginnt immer zuerst im Kopf. Sie wollen wissen, wie alt Sie wirklich sind? Machen Sie den kleinen Senilitätscheck! Beantworten Sie bitte die folgenden drei Fragen wahrheitsgemäß: Sie reden zu viel und hören ungern zu? Sie wissen alles besser? Sie lachen nur noch über andere und nicht mehr über sich selbst? Sie haben drei Mal mit „ja“ geantwortet? Dann sind Sie alt. Kein Problem, machen Sie den Test einfach noch mal. Keiner von uns ist so klug, als dass er nicht ab und an in senile Denkfallen tappt. Deswegen halten Sie ein wenig Abstand zu sich selbst: Sie werden älter, als Sie denken – wenn Sie denken. Vor allem vermeiden Sie es, einen falschen Maßstab anzulegen: Ältere sollten sich an Älteren orientieren, nicht an Jüngeren. Das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit macht schlechte Laune und lässt vorzeitig altern. Wenn Sie selbst ungern denken, wählen Sie sich die richtigen Vorbilder! Statt frühmorgens Aerobic mit Jane Fonda trinken Sie lieber nachmittags Tee mit Miss Marple! Verzichten Sie auf den glutenfreien Sojashake mit Brigitte Bardot und laden Sie sich lieber bei Miss Sophie zum „Dinner for Two“ ein. Was Sie von den beiden alten Damen lernen können? In Würde zu altern. Gerade Männer neigen dazu, mit Sneakers ins Seniorenheim zu stürmen, wo sie dann stundenlang „Forever Young“ trällern, weil ihnen keine andere Liedzeile mehr einfällt. Machen Sie sich nicht lächerlich - es sei denn, Sie haben Ihren Spaß daran.  


Dritte Regel: Vertrauen Sie Ihren Kindern. Aber vertrauen Sie ihnen niemals Ihr Geld an. Sie kennen die Geschichte von König Lear? Ein Mann, drei Töchter, ein Königreich und ein massives Erbfolgeproblem: Die Töchter, die ihn umschmeicheln, belohnt er mit seinem Erbe; die Tochter, die ihn wirklich liebt, verstößt er. Die Folgen sind bekannt: Er wird wahnsinnig, und die Welt versinkt im Chaos. Warum stellt sich König Lear so dumm an? Er hat Angst vor der Einsamkeit. Also glaubt er, sich Liebe kaufen zu müssen. Gekaufte Liebe ist immer noch besser als gar keine, denkt er. Eine Narrheit, wie ihm sein Hofnarr klarmacht: „Du hättest nicht alt werden sollen, eh Du klug geworden wärst.“ Wer sich nicht mit dem Altern auseinandersetzt, läuft 

Gefahr, sich zum Narren zu machen. Weil man sich von Schmeicheleien betrügen lässt. Weil man sich und andere mit seinen Problemen wahlweise mit seinen gewesenen Erfolgen langweilt. Beharren Sie nicht auf dem, was war. Es gibt so vieles im Leben eines Menschen, was andere nicht interessiert, niemals interessieren wird. Namen einstiger Berühmtheiten, die er oder sie kannte. Stationen einer Karriere, die niemand mehr abgehen will. Ruhm, der längst vergangen ist. All die falschen Freunde, die spurlos untertauchten, als es nichts mehr zu holen gab. Was soll‘s? Im Alter zählen nicht die gewesenen Tage, davon gibt es genug. Im Alter zählt nur eins: Die vielen guten Tage, die noch vor Ihnen liegen. Die sollten Sie genießen können. Verlieren Sie sich nicht in der Vergangenheit. Tauschen Sie so viel Besitz gegen Leben, wie Sie nur können.  


Vierte Regel: Altern will gelernt sein. Ihr wichtigstes Organ dabei: Der Kopf. Es ist wie im Judo: Sie müssen die Kraft des Gegners aufnehmen und zur eigenen Stärke machen. Sie werden langsamer – weniger Hektik. Sie hören schlechter – weniger Geschwätz. Sie werden vergesslicher, umso weniger Erinnerungen bedrücken sie. Sie können nicht mehr reisen, dann lesen Sie Reisebücher. Sie können nicht mehr tanzen, schenken Sie Ihrem Enkel einen Tanzkurs. Jedes Gebrechen können Sie ein wenig zum Guten wenden. „Aber doch nicht schlimme Krankheiten!“, werden viele einwenden. Manchmal schon - lesen Sie bei Thomas Mann im „Zauberberg“ nach, wie geistig heilsam fiebrige Infekte sein können! Wann immer Sie glauben, es geht Ihnen schlecht, greifen Sie zu einem Buch. Bücher geben Ihnen die Kraft, Ihr eigenes Leben in einem ganz neuen Licht zu sehen. Das ist keine Zauberei. Fragen Sie Harry Potter! Sie wollen kein Buch lesen? Dann lesen Sie Ihr Horoskop, aber nur, wenn es gute Tage verspricht. Glaube versetzt Berge, Aberglaube auch. Da müssen Sie nicht wählerisch sein. Glauben Sie an das, was Ihnen guttut. Warum nicht auch an den lieben Gott? Miss Marple hatte noch im hohen Alter die Kraft, selbst schwierigste Kriminalfälle zu lösen, obwohl oder vielleicht gerade, weil sie von allen Jungen unterschätzt wurde. Auf die Gretchenfrage nach dem Grund ihrer unerschütterlichen Zuversicht, stets das Richtige zu tun, antwortete sie gewohnt hintersinnig: „Der liebe Gott hat nie an mir gezweifelt, insofern wäre es unhöflich an ihm zu zweifeln, nicht wahr?“ Klingt naiv? Bleiben Sie naiv! Wenn Sie an nichts mehr glauben, wenn Sie über nichts mehr staunen, sind Sie alt. Die einzige wahre Formel ewiger Jugend ist die von Albert Einstein: „Alt werden – Kind bleiben“.   


Fünfte Regel: Sie sollten sich beizeiten ein Happy End für Ihr Leben ausdenken. Warum? Weil es eintreten könnte. Was unweigerlich eintritt, wenn Sie nicht an ein Happy End in Ihrem Leben glauben?! Sie geben auf, oder klein bei, oder verabschieden sich in eine Traumwelt oder werden verabschiedet, weil der Schatten der Mutlosigkeit auf Ihnen liegt. „Ich freue mich siebzig zu werden, denn die Alternative wäre ja, nicht siebzig zu werden.“ Keine Schönrednerei. Niemand wird von Verlusten verschont. Auch Sie nicht. Deswegen müssen wir beizeiten umdenken lernen. Mit das Traurigste, was uns im Leben geschehen kann, ist, dass es uns nur auf eine Rolle festlegt und alle anderen Träume zunichtemacht. Nichts trostloser, als mit neunzig noch den Playboy oder die Diva oder den Rockstar geben zu müssen. Armut ist: Lebenslang nur eine Rolle spielen zu dürfen. Altern ist die Aufforderung, sich selbst neu zu erfinden. Klammern Sie sich nicht an Ihr Ego! Üben Sie sich in Gedankenspielen. Je immobiler die Gelenke, desto mobiler sollten die Gedanken sein. Ihre Träume und Wünsche müssen nicht alle wahr werden, aber sie sollten doch zumindest geträumt worden sein. Jeder darf sein Leben einmal als Märchen erzählen, als Komödie, als Tragödie, als Liebesdrama. Durchspielen Sie alles in Gedanken, das befreit auf ungefährliche Art vom Erwartungsdruck, sich im wirklichen Leben allzu viel abzuverlangen. Phantasieren Sie sich ihr Leben als die Schöne oder das Biest, als Dr. Jekyll oder Mr. Hyde. Könnte sein, dass die kriminelle Vita die aufregendere ist. Aber ich bin sicher, irgendwann denken Sie sich nein, viel zu nervenaufreibend das Leben als Serienmörder, und Sie stellen fest: Die Rückkehr zur Normalität ist eigentlich der schönste Spaziergang im Leben. Die Füße wollen nicht mehr so, wie Sie wollen? Sie können nur noch mühsam außer Haus gehen? Es gibt keine Freunde mehr, die zu Ihnen kommen könnten? Wenn es um Sie herum immer einsamer wird, laden Sie eben all Ihre Freunde in Gedanken zu sich nach Hause ein. Machen Sie es wie Miss Sophie. Nicht der Butler ist der Held im „Dinner for One“, der ist die komische Figur. Miss Sophie ist es, die alle Fäden in der Hand hält. Sie ist die Regisseurin ihres eigenen Stücks. Die Frage des glücklichen Alterns ist die Frage danach, wie Sie bis zuletzt die Oberhand behalten, auch wenn alle Sie im Stich lassen. Miss Sophie hat die Antwort gegeben: Wer zuletzt lacht, lebt am längsten.  


Sechste Regel: Es ist nie zu spät, sich zu verlieben. Die Liebe ist das schönste Gedankenspiel. Das können Sie auch mit siebzig, mit achtzig, mit neunzig noch spielen. Lassen Sie sich da von Ihren Kindern oder Enkeln nicht altklug reinreden. Für die ist Liebe selbstverständlich. Für den, der altert, ist sie ein Wunder. Alles scheint grau, alles scheint sinnlos, da tritt der Mann, die Frau in ihr Leben, die alles in einem neuen Licht erscheinen lassen. Das Schicksal kann sehr kitschig sein. Keine Angst vor Kitsch! Das ist der Goldrand Ihres Lebensbildes. Immer besser, wenn Sie zu zweit darauf lächeln. Das Schlimmste im Alter, darüber herrscht seltene Einigkeit, ist die Einsamkeit. Wir können noch so lange in den Spiegel blicken, es wird uns nicht wirklich froh machen. Wir brauchen ein Gegenüber, um uns wirklich sehen zu können. Also gehen Sie tanzen, geben Sie Kontaktanzeigen auf, twittern oder tindern Sie, aber bitte altersgerecht, oder sprechen Sie einfach wildfremde Menschen an – was kann Ihnen schon passieren? Ich lasse mich lieber belächeln als beerdigen.  


Siebte Regel: Schreiben Sie Ihren eigenen Nachruf. Bevor andere sich über Sie das Maul zerreißen, oder Sie gar totschweigen wollen, schreiben Sie auf, was Sie bewegt und beglückt hat im Leben. Machen Sie es kurz, drei Seiten reichen, aber seien Sie ehrlich! Einmal im Leben dürfen wir ehrlich sein. Begleichen Sie alle offenen Rechnungen. Das verschafft Luft. Wer bin ich, wer war ich, wer wollte ich sein. Was bleibt noch zu tun, um die Fragen zufriedenstellend beantworten zu können?  Erzählen Sie Ihre eigene Geschichte, damit Sie anderen in Erinnerung bleibt, vor allem aber auch, damit Sie sich selbst erinnern. Die Zeit zerfließt so schnell zwischen den Händen. Die Menschen erinnern sich an immer weniger. Aber kein Mensch der Welt hat es verdient, vergessen zu werden. Also machen Sie sich bemerkbar. Denn mit das Beste, was Sie im Leben hinterlassen können, ist ein Lächeln im Gesicht derer, die an Sie denken.  


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Zuerst erschienen in: Gesund im Alter. Tagesspiegel Berlin 2019

 

 

 

 

 

A wie Absagen



B wie Blei, Franz



F wie Fliege


Die Fliege, die Kunst und der Tod. Zur Geschichte eines humoristischen Motivs. Essay


Immer noch studiere / Ich am kleinsten Tiere: Welche himmelhohen Rätsel es gibt.
Ringelnatz

Die Stubenfliege, musca domestica, ist ein gewöhnliches Geschöpf. Ihre Unzählbarkeit weist sie aus als billigste Fabrikware der Natur, ihre aufdringliche Wesensart macht sie dem Gutmütigsten verhaßt und selbst ihr Äußeres gibt keinen Entschuldigungsgrund für ihre Existenz. Dem hat auch die Namensgebung mit abschätziger Beiläufigkeit Rechnung getragen: Die Ableitung von 'fliegen' liegt auf der Hand.
Seit den Tagen des Sündenfalls lebt dieses zur Plage ersonnene Geschöpf mit dem Mensch, seit diesen Tagen des verlorenen Paradieses verachtet und verfolgt er sie: dem gesunden Menschenverstand ist sie einfach nur lästig, der Feinsinnige zeigt sich pikiert ob ihrer unreinlichen Lebensart und allein der Abergläubische schenkt ihr jene Aufmerksamkeit, die sein furchtsamer Sinn für alles und jeden erübrigt. Zwar bekam die Fliege nie den dämonischen Zauber mythischer Fabelwesen zugesprochen, dazu war ihr Dasein denn doch zu alltäglich, aber was ihr an archaischer Aura fehlte, machte sie wett durch Penetranz und Überzahl. Schon die Griechen waren ihrer so überdrüssig, daß eigens ein Gott geschaffen wurde, sie zu vertreiben: Myiagros, Heros und Fliegenschreck, dem ein Stier als Voropfer gebracht wurde. Späterhin, als er sich - wie zu erwarten - seiner Aufgabe nicht gewachsen zeigte, mußte Zeus selbst dieses Amt übernehmen. Auch Apollo versuchte sich; Herkules, für dergleichen Kärrnerarbeit wie geschaffen, soll es der Legende nach immerhin gelungen sein, den eigenen Haupttempel fliegenfrei zu halten. Aber allen Mühen zum Trotz, die Hilflosigkeit der antiken Götter war ihren Gläubigen nur allzu offensichtlich, ein Umstand, der zwar nicht unmittelbar zu ihrem Sturz, wohl aber zu einer immer allgemeiner werdenden Skepsis gegenüber ihren apotropäischen Fähigkeiten geführt hat. Der Notwendigkeit eines größeren, allmächtigeren Gottes konnte fortan nicht mehr so leicht widersprochen werden, so wünschenswert eine pluralistische Götterwelt für aufgeklärtere Geister auch immer gewesen sein mag. Aber die Bedrohung war eine zu existentielle, denn daß sich hinter diesem unscheinbaren Lästigen Gefährlicheres verbirgt, ahnte man schon zu Zeiten des Aristoteles. Es war allgemein bekannt, daß Fliegen im Unreinen entstehen, nur zum Unreinen sich hingezogen fühlen und folglich Unreines bewirken, dementsprechend gestaltete sich das religiöse Erscheinungsbild der widrigen Kräfte: der Herr der Verwesung trat als Aasfliege auf, die Krankheitsdämonen und Totengeister nahmen Fliegengestalt an. Ihre unheilskündende, unheilsbeglaubigende Unzahl war gleichermaßen gefürchtet wie ihr subversives Schmarotzertum als Einzelwesen. Jedermann wußte, daß eine Fliege, die sich, auf welchem Wege auch immer, im Gehirn einnistete, schwere Geistesstörungen, wenn nicht gar Wahnsinn auslöste. Ein Mythologem, das bildlich-diskret erklärt, warum so viele Herrscher, die naturgemäß von unzähligen Parasiten umlagert wurden, dem Irrsinn verfielen, sei es, weil sie sich durch servile Einflüsterungen in den Größenwahn treiben ließen oder in angeborener Unvernunft den Einflüsterungen schlechter Ratgeber erlagen und angesichts der unheilvollen Folgen in Trübsinn versanken. Sueton berichtet von Domitian, daß er sich zu Beginn seiner Regierung täglich für Stunden zurückzuziehen pflegte, um nichts anderes zu tun, als Fliegen zu fangen und mit einem spitzen Griffel aufzuspießen - eine ausgesprochen philantropische Spielart caesarischer Melancholie.
Die Fliege trat so schon früh in Konkurrenz zur Grille, beide wurden zu Sinnbildern des Grübelns, der im Kopf umherschwirrenden Gedanken, des Denkens schlechthin, das im Volksglauben schon immer als eigentliche Ursache von Hypochondrie und Schwermut beargwöhnt wurde: Il a des mouches dans la cervelle. Einer, dessen Geist in Verwirrung geraten ist, sei es im Rausch der Phantasie, des Weins oder der Melancholie ist Opfer der Fliege; ein cervelle émouquée, ein von trüben Gedanken freies Hirn dagegen ist der Stolz all derer, die sich durch intellektuelle Enthaltsamkeit und emotionale Askese von solchen Heimsuchungen freizuhalten wissen.
Dieser metaphorischen Nähe zur Macht und zur Melancholie wegen hatten die Dichter von Beginn an ein gänzlich anderes Verhältnis zur Fliege als der gemeine Mann. Zwar weiß auch Homer um ihre Lästigkeit: „... dicht, wie der Fliegen unzählbar wimmelnde Scharen / Rastlos durch das Gehege des ländlichen Hirten umherziehn", aber er schildert ihr Treiben in allzu heiteren Versen, als daß man die Bedrohung wirklich ernst nehmen könnte: „... gleich wie die Fliegen / Sumsen im Meierhof um die milcherfülleten Eimer / Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft".
Selbst die in diesen heroischen Zeiten nur allzu bekannte, weil häufig zu beobachtende leichenschänderische Tätigkeit der kleinsten aller Aasgeier entbehrt in der Voß'schen Übersetzung nicht eines frivolen Reizes: sie, deren "Geschlecht raubgierig erschlagene Männer verzehret", "hineingeschmiegt in die erzgeschlagenen Wunden, / Drinnen Gewürm erzeugen und ganz entstellten den Leichnam" XIX, 25 ff.
Die eigentümliche Fliegen-Sympathie Homers spricht sich noch weit unverhohlener aus, wenn er - unter Beihilfe der kuhäugigen Göttin Athene - den kampfesmüden Sinn des Menelaos poetisch befeuert, auf daß er die Leiche des Patroklos vom Schlachtfeld rette:
„Diese stärkt' ihm die Schultern mit Kraft und die strebenden Knie, / Und in das Herz ihm gab sie der Flieg unerschrockene Kühnheit, / Welche, wie oft sie immer vom menschlichen Leibe gescheucht wird, / Doch anhaltend ihn sticht, nach Menschenblute sich sehnend: / So ausharrender Trotz erfüllt' ihm das finstere Herz nun." XVII, 568 ff.
Vergebens, denn ihn ereilt das gleiche Schicksal wie sein Wappentier - er stirbt einen schnellen Tod von Feindeshand. Das zumindest erhofft man sich von der Metaphorik, aber der Vergleich trügt: Menelaos rettet die Leiche des Achillesgeliebten von der Wallstatt, übersteht ruhmreich alle Schlachten und Scharmützel und kehrt wohlbehalten heim, um später dank reuigen Mitleids der Götter ins Elysion entrückt zu werden.
Die stille Sympathie Homers für die kämpferischen Verwandten der Fliege blieb Jahrhunderte unbeachtet, bis Lukian - in betonter Opposition gegen die Wertungen des gesunden Menschenverstandes - eigens eine Lobrede zu ihren Ehren verfaßte, die ein anderer, ihm ebenbürtiger Spötter, ihrer Grazie wegen rühmte und übersetzte. Was Wieland an diesem Enkomion gefallen hat, ist seine rhetorische Eleganz. Was ihn hätte irritieren müssen, ist, daß die Apotheose allein zu satirischen Zwecken geschieht. Auch wenn Lukian die Feinheit und Weichheit der Fliegenflügel feinstem indianischen Musselin vergleicht und ihren Farbenglanz rühmt, auch wenn er ihren behend gaukelnden Flug dem tölpischen Auf und Ab anderer Insekten vorzieht und ihr anmutiges Geflüster preist, das sich so wohltuend von dem Gedröhne der Schnaken und dem dumpfen Gesumse der Bienen unterscheidet, so geschieht das alles doch nur aus Koketterie mit der eigenen Sprachkraft. Er rühmt ihre Friedfertigkeit, er stellt sie dem Menschen gleich in ihrer putzigen Art sich der Vorderfüße als Hände zu bedienen, er preist ihren Verstand und mit Homer ihre Tapferkeit. Selbst mythologischen Aberglauben spart er nicht aus, um das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und die Unsterblichkeit ihrer Seele zu beteuern, aber die Ironie ist aufdringlich genug, um jedermann auffällig werden zu lassen, daß es ihm nicht ernst ist damit. Lukian will zu seinem und des Lesers Vergnügen brillieren mit einer rhetorischen Kunst, die selbst das niedrigste aller Geschöpfe für einen Moment den Göttern gleichzustellen vermag, um es im nächsten wieder dem Vergessen anheimzugeben. Aber diese satirische Arroganz, die Lukian gewohnheitsmäßig seinem poetischem Personal gegenüber zur Schau stellt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß in diesem Fall der erzielte Effekt in keinem Verhältnis zu den Mühen des Aufwands steht. Götter und Hochstapler zu blamieren, die Eitelkeit der Regierenden und die Torheit der Alltagsmenschen bloßzustellen, bringt satirische Rendite, aber warum sollte ein notorischer Spötter sich eines Geschöpfs annehmen, das ohnehin schon der Verachtung aller preisgegeben ist – nur aus Trotz? Oder gar nur zum Zweck, die in Mode gekommenen Preislieder zu parodieren?
Lukians Anteilnahme an der Fliege bleibt trotz aller artistischen Vorwände suspekt, und auch das Lob Wielands ist allzu euphorisch, als daß es dem Leser erspart bliebe, beiden ein durchaus eigennütziges Interesse an diesem Hymnus zu unterstellen.
Schon ihr Singen, so legte es die Metaphorik nahe, weist sie als Kunstschaffende aus. Ihre Lebensweise ist die der sophistischen Boheme, sie "baut sich kein eigentliches Nest und hat keinen festen Wohnsitz", sondern schweift ziellos umher, und wer, außer dem Künstler, versteht es wie sie, sich in "ewiger Muße und gänzlicher Unabhängigkeit" von fremden Fleiße zu nähren. Lukian treibt, melancholisch leise, Spott mit sich und seinesgleichen. Er, der ewig Stellungssuchende, der unterwürfig, aber vergeblich Kaiser Verus auf sich aufmerksam zu machen suchte, der lebenslang um die Gunst seiner Patrone buhlen mußte und erst im Alter, gnadenhalber, das einträgliche Amt eines Kanzleivorstehers beim Statthalter von Ägypten zugesprochen bekam, dichtete sich in humoristischer Hybris den Herrscherglanz des Erwählten an, wiewohl er insgeheim nur allzugut wußte, daß ein Dichter in den Augen der Macht kaum mehr als jeder andere Domestik zählt. Fliege und Poet, für jene Umschwärmten, die sie aus Ruhmsucht oder ennui alimentierten, schon immer einander wesensgleich, bildeten fortan im Selbstverständnis der Literaten eine metaphorische Schicksalsgemeinschaft.


Der gesamte Essay:  https://www.magentacloud.de/lnk/sSsSYram



G wie Golf



H wie Humor



I wie Ibiza



L wie Lebensfragen


Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens – in aller Kürze beantwortet

I. Selbst denken oder denken lassen? 
Wann haben Sie das letzte Mal in Ruhe über sich selbst und Ihr Leben nachgedacht? Vermutlich erst nach der Katastrophe. Als der Partner schon weg war, die Mutter, der Vater gerade gestorben, die Schulfreunde längst in einer anderen Galaxis. Wir denken ungern - wir lassen lieber andere für uns denken. Der Hirnmuskel wird schlaff. Nehmen Sie es sportlich und fangen Sie langsam an. Zwanzig Minuten am Tag, das reicht! Gehen Sie spazieren, das lenkt Ihren Körper ab und sorgt für ausreichend Sauerstoff. Lassen Sie die Alltagsprobleme zu Hause. Wir trainieren unser Hirn für die falschen Aufgaben. Nicht „Wie soll ich funktionieren?“ ist die Frage der Fragen“, sondern: „Wie soll ich leben?“

II. Der Sinn des Lebens? 
Ich schreibe Nachrufe über Menschen, die gestorben sind. Keine berühmten Menschen, Helden des Alltags. Warum Helden? Weil sie gelernt haben, ihr Leben zu meistern, ohne groß von sich reden zu machen. Von diesen Menschen habe ich gelernt, was der Sinn des Lebens ist: da sein. Das stärkste Gefühl der Angehörigen, wenn sie von den Verstorbenen erzählen, ist nicht Trauer, sondern Dankbarkeit, dass es diesen einen Menschen gegeben hat. Wann waren Sie das letzte Mal dankbar? Vergessen Sie nicht: Der Tod hat es manchmal sehr eilig. Morgen können Sie diese Frage vielleicht schon gar nicht mehr stellen. Hoffentlich begreifen Sie also heute schon, wie sinnlos es ist, dem Leben mehr abzuverlangen als das Glück, da zu sein. 

III. Bin ich glücklich?
Sie sind unglücklich? Zu Recht. Sie verlangen zu viel: von sich und anderen. Woher ich das weiß? Wenn Sie es nicht tun würden, wären Sie nicht unglücklich. So einfach ist das nicht, werden Sie einwenden. Und Sie haben Recht.
Sie sind glücklich? Zu Unrecht. Sie haben auf nichts ein Anrecht. Das wird uns erst dann bewusst, wenn wir das Leben anderer Menschen teilen, denen es schlechter geht als uns. Sie wollen ihr Leben nicht mit anderen teilen? Dann werden Sie nie erfahren, ob Sie ein glücklicher Mensch waren. Denn das eigene Glück ist meist im toten Winkel unserer Wahrnehmung.

IV. Bin ich schön?
Sie gehören zu jenen Menschen, die sich immer hässlich finden? Sie glauben, dass andere immer besser aussehen, dass schöne Menschen immer glücklicher sind und glückliche Menschen immer schön. Unsinn. Wer bewundert wird von vielen, ist selten glücklich. Fragen Sie Romy Schneider, James Dean, Marylin Monroe, Lady Gaga oder eine der vielen namenlosen Schönheitsköniginnen der vergangenen Jahre. Schön ist nicht, wer von vielen geliebt wird. Schön ist, wer liebt. Sie erkennen es sofort an dem Leuchten in den Augen. Und jetzt blicken Sie bitte noch mal in den Spiegel! Wann leuchteten Ihre Augen das letzte Mal?

V. Was ist wahr, was ist falsch? 
Was liegt im Einkaufswagen Ihres Nachbarn an der Kasse? Aha, interessiert Sie nicht. Was sollte ein Analytiker oder ein Arzt oder ein Ratgeberschreiber für ein Interesse an Ihnen haben? Vor allem das eine: Kassieren. Bevor Sie anderen vertrauen – vertrauen Sie lieber ihren Eltern oder Ihren Freunden - die sollten es ehrlich mit Ihnen meinen. Sie haben da so Ihre Zweifel? Dann bleibt nur noch ein Mensch, dem Sie vertrauen können. Bevor Sie also das nächste Mal zu einem Ratgeber greifen: Denken Sie selbst.

VI. Was soll ich tun? 
Tun Sie erst mal nichts. Die meisten Leute tun so viel, dass sie vor lauter Tun gar nicht zum Nachdenken darüber kommen, warum sie es eigentlich tun. Sie tun und tun, und irgendwann kurz vor ihrem Tod, stellen sie die Frage nach dem Warum. Warum tun Sie das, was Sie gerade tun? Sie müssen die Frage nicht beantworten, aber Sie müssen sie stellen, jeden Tag neu. Sonst sehen Sie irgendwann sehr alt aus.

VII. Für wen soll ich es tun? 
Bitte nicht für andere! Alle Menschen, die dazu neigen, sich für andere aufzuopfern, fordern es irgendwann zurück - in Form von Bewunderung, Ehrfurcht, Mitleid oder Unterwerfung. Was immer Sie tun, tun Sie es für sich selbst. Denn wer mit sich selbst im Reinen ist, wird meist auch für seine Mitmenschen der angenehmere Mensch sein. 

VIII. Gibt es Gott? 
Stellen Sie die Frage niemals einem Philosophen oder Theologen. Warum nicht? Die reden zu viel. Stellen Sie die Frage lieber einem Reisenden. Noch besser: Gehen Sie selbst auf Reisen. Dann werden Sie sehen, wo überall auf dieser Welt Gott fehlt und wo überall auf dieser Welt ein Gott verehrt wird. Die Welt beherbergt sehr viele Götter. Gibt es einen von ihnen wirklich? Gibt es den einen Gott? Möglicherweise. Eine bessere Antwort kann Ihnen auch der klügste Mensch auf dieser Welt nicht geben.

IX. Wer ist mein Schutzengel?
Wenn jeder dem anderen ein wenig zur Seite stehen würde, könnten wir alle die Frage mit einem einfachen Fingerzeig beantworten. 

X. Gibt es ein Leben nach dem Tod? 
Sicher. Nur werden Sie vermutlich kaum erfahren, wer an Ihrem Grab weinen oder lachen wird. Wichtiger ist die Frage: Hatten Sie ein Leben vor dem Tod? 

Zuerst erschienen in: Salon. Das Magazin für Gastlichkeit, Tischkultur und Lebensart. Winter 2015/16
Mehr dazu in: Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens. Köln 2014





M wie Märchen



N wie Nachrufe


In fünf einfachen Schritten zur Unsterblichkeit

Meine Damen und Herren,
Wir werden sterben. Jeder von uns hier wird sterben. Entschuldigen Sie diesen etwas übellaunigen Auftakt. Aber das ist eine der wenigen Gewissheiten, die uns geblieben ist. Wenn Sie nun glauben, diese unfrohe Äußerung sei nicht zu übertrumpfen, doch, das ist sie … Denn wir sterben nicht nur diesen einen Tod, wir sterben einen zweiten Tod. Einen dritten, einen vierten … Wann immer uns ein Mensch vergisst, sterben wir einen neuen Tod, bis zu dem Tag, da nichts mehr von uns geblieben ist, nicht einmal die Erinnerung einer Erinnerung. Wie fern oder wie nah dieser Tag ist, entscheiden Sie selbst. 
Meine Frage heute – hier und an Sie direkt: Wie leidenschaftlich wollen Sie diesen Kampf gegen das Vergessen führen?
Ich schreibe Nachrufe. Kurzatmige Biographen, wenn Sie so wollen, Porträtmalerei mit nur einem Pinselstrich. Nachrufschreiben ist ein hoffnungsloses Tun. Sisyphos war ein Gewinner dagegen. In Deutschland sterben Jahr für Jahr etwa 900 000 Menschen, in Berlin etwa 30 000. Drei Menschen sind es, die wir im „Tagesspiegel“, der Hauptstadtzeitung, jeden Freitag porträtieren – Aufnahmebedingung ist: Es darf kein Prominenter sein. Gewöhnliche Menschen – wie finden wir die? Verwandte machen uns auf die Verstorbenen aufmerksam. Freunde melden sich. Zuweilen springt uns selbst eine Todesanzeige ins Auge: So früh gestorben – so lange gelebt. Was für ein schöner Sinnspruch, welch rührender Vers. Meist jedoch sind es nur Floskeln, Gestanztes aus dem Handbuch der Bestattungsunternehmer: „Wir werden Ihn/Sie immer vermissen …“
Wir retten auf unserer Nachrufseite einhundertfünfzig Menschen im Jahr vor dem Vergessen. Natürlich sollten wir Tausende retten, Hunderttausende. Die Frage ist - sollten wir es wirklich? Wann ersticken wir an unseren Erinnerungen? Selbst wenn ein Nachruf nur eine Seite umfassen würde - hätten Sie je die Zeit, 900 000 Biographien zu lesen, und das sind nur die Lebensgeschichten eines Jahrgangs. Und glauben Sie mir, jede dieser Geschichten wäre auf gewisse Weise bedenkenswert. Das Leben jedes Menschen ist bedenkenswert.
Es kommt der Jahrgang, da wird Ihre Geschichte eine dieser Geschichten von vielen sein. Die Frage ist – soll sie erzählt werden? Und wenn ja, von wem? 
Der Tod ist ein unbezwingbarer Gegner. Aber wir Menschen sind nur deshalb über uns hinausgewachsen, weil wir diesen Kampf angenommen haben. Der Neandertaler, einer unserer frühen Vorfahren, für die wir uns meist schämen, weil sie so ungehobelt im Auftreten waren, der Neandertaler, so habe ich neulich in dem Vortrag eines bedeutenden Archäologen erfahren, bestattete seine Angehörigen. Er hätte es sich einfacher machen können. Mit dem Faustkeil war es sicher keine Freude, Gräber auszuheben. Aber er hat es getan. Da ist er manchem Großstädter weit voraus, gedanklich. 
Wenn wir Menschen nicht einfach nur dem Vergessen zum Fraß vorwerfen, sondern sie bestatten, dann denken wir an sie. Wenn wir an sie denken, leben sie weiter. Die Frage ist nur, in welcher Gestalt. 
Je pompöser die Grabstätte, desto schöner, inniger, herzlicher das Erinnern? Das Pharaonen-Paradox. Sie können die Pyramide noch so groß bauen, der Mensch wird nicht lebendiger dadurch. Im Gegenteil, er wird erdrückt durch die Last des ihm Auferlegten. Wir wissen alle, dass gelogen wird, wenn es darum geht, Abschied zu nehmen. Viele Menschen wollen nicht, dass ihnen eine Pyramide errichtet wird. Genau aus diesem Grund. Sie wollen ein anonymes Grab.
Viele sind zu bescheiden, viele halten ihr Leben für – nein, nicht für nicht lebenswert – für nicht erzählenswert. „Ich hab doch nichts erlebt!“ Tut mir leid, dieser Satz ist immer gelogen. Sie haben sehr viel erlebt – Sie wollen nur nicht darüber reden. Sie wollen es nicht in Wort fassen. Sie wollen es nicht in Worte fassen, die anderen die Chance geben, nacherleben zu können, was Sie so wunderbar am Leben fanden. Die Folge: Es gerät so viel in Vergessenheit. Das ist schlimmer als der Tod. 
Ich persönlich hasse das Vergessen. Ich hasse diese Erinnerungskultur, die nur den Siegern und den Verbrechern Denkmäler errichtet. Jede neue Hitlerbiographie kotzt mich an. Das Paktieren der Historiker mit den Wichtigtuern … Wir dürfen nicht denen das Erinnern überlassen, die es nicht verdienen. Es ist sehr einfach, ein schlechter Mensch zu sein. Es ist sehr schwer, anständig durchs Leben zu gehen. Weil aufrechtes Gehen das Rückgrat strapaziert. Schon deshalb hat jeder dieser Helden des Alltags ein wenig Unsterblichkeit verdient. Und dazu zähle ich uns alle.

Worüber ich hier sprechen will, ist, wie es ihnen gelingen könnte … das mit der Unsterblichkeit, meine ich. Sie erinnern sich vielleicht an Herostratos, ein Hirte, dem wenig mehr blieb, um auf sich aufmerksam zu machen, als ein Feuerzeug. Damit setzte er den Tempel von Ephesos in Brand. Unter Folterqualen gestand er, dass ihn die Sucht nach Ruhm getrieben habe. „Pfui“ werden die meisten denken, und an der nächsten Ecke ein Selfie von sich und der nächstbesten Berühmtheit schießen, die ihnen über den Weg läuft. Wir zündeln alle für ein wenig Ruhm. Es brennt in uns. Was soll bleiben … ein Selfie oder ein Selbstbild, Sie haben es in der Hand. Was können Sie tun, damit ihre Geschichte nicht eine von vielen ist. Eine, die vergessen wird, kaum dass Sie die Augen geschlossen haben. Einfache Antwort: Schreiben Sie Ihren Nachruf! Sagen Sie mir bitte nicht, Sie haben keine Zeit. Nie gab es eine Epoche in der Menschheitsgeschichte, in der die Menschen in Mitteleuropa mehr Zeit hatten, über ihr Leben nachzudenken als die unsere. Sie haben die Zeit. Die Frage ist nur, wie lange noch. Das Titanic-Dilemma: Wir leben an Bord des luxuriösesten Kreuzfahrtschiffes aller Zeiten. Wir sind unsinkbar und nehmen doch schon Kurs auf den Eisberg, der unser Untergang sein wird. Zimmern Sie ihr Rettungsboot! Bestücken Sie die Flaschenpost! Machen wir uns an die Arbeit: In fünf kleinen Schritten zur Unsterblichkeit!

Der gesamte Vortrag:     https://www.magentacloud.de/lnk/7psy4yde






S wie Scharlatane



U wie Unsterblichkeit



W wie Witz