Peter Pan als Primaner - eine etwas beklemmende Phantasie. Aber so muss man ihn sich vorstellen, von der intellektuellen Physiognomie her: Marcel Schwob, gestorben vor hundert Jahren, geboren 1867 in eine Familie von Rabbinern, Schriftgelehrten und Ärzten; als Kind schon überwach, altklug, früh von Büchern verraten, und ihnen doch hemmungslos hingegeben. Ein Genie des Lesens und der literarischen Kleptomanie, von vielen vergessen, von wenigen beerbt, Jose Luis Borges als Prominentester zählte sich zu diesen „happy few“.
In insgesamt sechs Erzählbänden praktizierte Schwob seine kaleidoskopische Kunst der Aneignung, kein Roman, dazu fehlte es ihm an Kraft. Lungentuberkulose und ärztlicher Pfusch zehrten ihn aus, mit Morphium hielt er sich die letzten Jahre mühsam am Leben.
Sein erster Erzählband, „Das Gespaltene Herz“, 1891 erschienen, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Das Buch ist Robert Louis Stevenson gewidmet, seinem wichtigsten literarischen Ziehvater, neben Jules Verne, Mark Twain und Edgar Allan Poe, denen gleichfalls in diesem Band erzählerisch gehuldigt wird.
Stilübungen also, Dokumente einer Wette, dass ein Nachgeborener die naiven Meister in allen Genres jederzeit übertreffen kann an Raffinesse: Denn jeder Text, mag er auch noch so einsinnig erzählt sein, ist an sich ein vielstimmiges Palimpsest, das brachte Schwob gern belehrend in Erinnerung. Dank seines Gedächtnisses und seiner Belesenheit war es ihm ein Leichtes, die Stammbäume literarischer Motive bis zurück in biblische Zeiten zu zeichnen. Das elementare Trauma des frühreifen Lesers: „Es gibt keine Unschuld des Dichtens. Keine Unbefangenheit. Nur die Sehnsucht danach.“
Für ihn als Autor resultierte daraus der willentliche Verzicht auf jede Form erzählerischer Naivität. „Trage keinen Friedhof in dir. Vergiss dich! Aber vergiss nie, was schon alles geschrieben wurde.“
Amnestie also, denn wenn schon alles gesagt wurde, ist Diebstahl die notwendige Folge und der Begriff des Plagiats überflüssig. „Das Gehirn kennt keine Scham. Es bleibt nur eins zu tun: gut zu schreiben.“
Eine der kürzeren Geschichten des Buchs, Podêr, erzählt von einem tagaus, tagein betrunkenen Soldaten, einst Vagabund, Dieb wohl auch, der gerne wieder losziehen würde, diesmal allerdings auf solider Basis, als Hausierer, mit eigenem Planwagen und Gefährtin: „Das Glück zu zweit in der schwarzen Nacht, unterwegs über Land, oben die schwankende Plane, mit einer kleinen Frau, die man an sich drückt.“ Er schwadroniert, schlägt die Zeit tot, leiht sich Geld von den Rekruten, versäuft es, leiht erneut – und ist eines Tages tatsächlich verschwunden. Ob im Straßengraben oder im Planwagen bleibt offen, ist letztlich auch unerheblich angesichts der einfachen Moral der Geschichte: Der Alltag ist Last, Anlass zum Rausch allenfalls, was uns wirklich bewegt, sind unsere Träume, und die wiederum sind literarisch verfasst: Ob Ammenmärchen, Räuberlied oder Heldensage, in Fragen des lektüregesteuerten Eskapismus gibt es keine Standesunterschiede.
Schwobs Personal ist demnach auch alles andere als bürgerlich: Halunken, Hochstapler, Soldaten, Bauern, Mägde und Näherinnen. Sie alle sind vom gleichen Schlag, sie alle machen Ernst, irgendwann, und auch wenn sie als Kunstfiguren eben exakt auf diese existentielle Pointe hin konstruiert wurden, so bleiben sie doch als Träumende und Geträumte viel lebendiger in Erinnerung als manche ihrer in Biographien eingesargten berühmteren Zeitgenossen.
Die klassische Biographie ist die hohe Kunst des Mordens. Schwobs Fertigkeit hingegen, eingeübt hier, perfektioniert in seinem bekanntesten Erzählband, dem „Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe“, ist die Magie der Überblendung. Er suchte nicht nach Originalen im Leben, sondern nach Wiedergängern literarischer Helden in der Wirklichkeit.
Erzählt das Leben die besten Geschichten oder diktiert sie der Dichter? Ein unauslotbares Wechselspiel. Sicher ist nur, dass die Last der Tradition zum Fluch werden kann. Wenn es eine Parabel solch tragisch verausgabten Lebens gibt, dann „Die Schatzinsel“, von Robert Louis Stevenson.
Schwob hing ihm an, mit kindlicher Liebe, korrespondierte mit ihm, und litt an dem auch in Piratenkreisen verhängnisvollen Fluch der Nachgeborenen: Es geht immer um bereits gehobene Schätze - was die Schatzsuche, auch die literarische, zu einem zwar spannenden, aber letztlich wenig profitablen Geschehen macht.
Marcel Schwob war im literarischen Paris der Jahrhundertwende eine Institution, er förderte Gide, Claudel, Jarry, Valéry - nicht wenige Schriftsteller kamen zu ihm, wenn sie Sujets für ihre Erzählungen suchten. Und er war ein scharf beobachtender, klar urteilender Journalist, der dafür nicht selten antisemitisch angefeindet wurde.
Ein Literat, kein Originalgenie, alle Klischees einer romantisch inspirierten Dichtungstheorie wurden im Lauf der Literaturgeschichte gegen Schwob aufgeboten. Glasperlenspieler, Fabulant, oder in Umkehrung des Klischees, früher Wegbereiter der Postmoderne. Wenig sinnvolle Etikettierungen, wie Gernot Krämer in seinem Nachwort aufzeigt.
Literatur versus Leben - warum ist die Frage nach der Trennung von beidem so überflüssig? Die Antwort gab Schwob selbst, zu einer Zeit, als ihn alle schon aufgegeben hatten.
Im teppichverhangenen Zimmer lag er, der ungeheuer lärmempfindliche, von passiven Abenteuern Ermattete, stunden-, tagelang auf der Couch, inmitten seiner Menagerie: Katzen, Fledermäuse, Siebenschläfer, ein Affe, und natürlich Tausende von Büchern. „Ein überaus bizarres schneeweißes Gesicht“, schrieb Franz Blei, der den Todkranken in Paris besuchte, „darin wie Blut ein großer Mund.“
Er lag im Sterben, und das sieben Jahre lang. „Aber bevor er stirbt“, hatte einer seiner Freunde prophezeit, „lebt er seine Erzählungen.“
1901 stellte Schwob seiner Krankheit ein Ultimatum und schiffte sich mit seinem chinesischen Koch Ting-Tse-Ying nach Ceylon ein, dann weiter nach Djibouti, Sydney und schließlich Samoa, jene Insel also, auf der vor ihm Stevenson Heilung von der Tuberkulose gesucht hatte, und das eigentlich Ziel der Reise.
Schwob wollte auf den Berg Vaea steigen, das berühmte Grab des Verehrten besuchen, aber nun, nachdem er die halbe Welt umfahren hatte, hielt ihn ein Fieberanfall davon ab – oder sein Stilgefühl, denn ein tragischeres Ende seines Lebensromans hätte sich kaum denken lassen.
Ein schlechter Traum, Manapouri, so auch der Name des Dampfers, mit dem er nach Wochen der Pflege die Heimreise antrat.
Er hatte noch drei Jahre zu leben, brachte aber keine Erzählung mehr zu Ende. Leben oder Lesen, die Frage hatte sich erübrigt, denn er glaubte nicht mehr so recht an Träume, blieb überwach. Selbst dem Toten konnte man die Lider nicht mehr schließen.
Blaubarts Enkel
Schriftsteller sind auf dauernden Zuspruch angewiesen. Der wird ihnen nicht immer zuteil, schon gar nicht von ihrer Frau, und so sind sie ständig auf der Suche nach neuen Frauen, die ihr Lamentieren über den Niedergang des Verlagswesens und die Infantilisierung der Leser ertragen. Irgendwann ist dann keine mehr da, und wenn man sich nicht gerade von Schriftstellerkolleginnen trösten lassen will, gerät man auf die seltsamsten Abwege. Meine Ausflucht war eine Annonce in den Stadtmagazinen Zitty und Tip: "Schriftsteller sucht intelligente Frau für gelegentliche Streifzüge durch Bars." Ich erhielt sieben Antworten. Davon drei in Briefen, die schon auf dem Umschlag für eine "Fisch-sucht-Fahrrad-lonely-hearts-party" warben. Zwei der Briefe sortierte ich sofort wieder aus, den einen, weil die Betreffende Salsa tanzen wollte, was ich als böswillige Verkennung. meines Temperaments empfand. Den anderen, weil er das pornographische Credo eines Schriftstellerkollegen enthielt, der unter weiblichem Decknamen all jene Sexualpraktiken auflistete, die auszuüben ihn sein Asthma hindert. Weshalb er mich, und vermutlich alle anderen männlichen Inserenten, vor dem ersten Treffen um die diskrete Übersendung von DM fünfzig bat. Die graphologische Begutachtung der restlichen Briefe erbrachte keinen anderen Befund als den vorab entschiedenen: mich nicht weiter von dem allgemeinen Niedergang der Schriftkultur deprimieren zu lassen. Und so ging ich ans Werk. Annette (die Namen sind – bis auf einen – vertauscht), Annette war nicht zu Hause. Damit hatte ich nicht gerechnet. Barbara war Amerikanerin und hatte folglich eine e-mail Adresse angegeben. Amerikanerinnen, so hatte mich Thomas Mann einst belehrt, sind naiv, also bat ich sie, mir all ihre Manuskripte zu schicken, da mein Freund und Lektor ständig auf der Suche nach neuen Talenten sei. Eine absolute Bank, dachte ich. Geantwortet hat sie bis heute nicht. Caroline traf ich in der Riva-Bar, und sie war sehr, sehr nett. So nett, daß ich sie glattweg geheiratet hätte, wenn ich nicht schon verheiratet wäre. Dörthe schrieb mir auf Umweltpapier, daß es eigentlich ein Zufall sei, daß sie auf Umweltpapier schreiben würde, und forderte Treue sowie eine Garantieerklärung meiner Intelligenz. Beides möglichst vorab und telephonisch. Ich rief an und erklärte ihr, daß unsereiner die praktische Vernunft allenfalls als eine Art Notdurft der Phantasie versteht, woraus sie allerdings keineswegs folgern dürfe, daß ich gewillt sei, teuere Therapiegespräche mit Handynummern zu führen. Und zum Thema Treue merkte ich an, daß Schriftsteller nun mal konstitutionell nicht zur Treue in der Lage seien, weil das zwangsläufig die Untreue gegenüber dem neuen Werk einschließen würde. Aber da hatte sie längst aufgelegt. Dann war da noch Katharina. Dem Brief zufolge war sie in meinem Alter und beschäftigungslos. Sie pries sich ein wenig schüchtern, und eben diese Schüchternheit berührte mich. Beklommen wählte ich ihre Nummer. Ohne eigenes Zutun rauhte sich meine Stimme, und mein Name schien mir unaussprechlich lang, aber noch ehe ich ans Ende kam, schnitt sie mir das Wort ab. "Wir müssen später telephonieren." Mehr nicht. Minuten später, ich stand noch immer unter Schock, meldete sich die Südwestpresse. Eine bayrische Interviewerin mit Kabaretterfahrung forderte Auskunft über mein Trinkverhalten. Rotwein, deutsch, lieblich, literweise, brüllte ich ins Telephon. Das war natürlich gelogen, aber die Tragweite dieser Lüge ging mir erst auf, als mich mein Freund und Lektor belehrte, daß vermutlich eine Freundin Katharinas dahinter steckte. "Ein Partnerquiz, verstehst du." Natürlich verstand ich! Und die richtige Antwort wäre vermutlich gewesen: französisch, trocken und nur gelegentlich ein Glas unter Freunden. Ich wollte sie am nächsten Tag wieder anrufen, spätestens am übernächsten, aber die Einbildungskraft spielte mir einen Streich. Plötzlich war sie da: Die Angst vor der Wirklichkeit. Was, wenn Katharina eine eigene Geschichte hatte? Eine Geschichte, die sie nicht so ohne weiteres preisgeben wollte. Nichts Spektakuläres. Kein prügelnder Ehemann. Keine mißbrauchten Kinder. Einfach nur ihre Geschichte, für die sie einen ernsten Zuhörer forderte - den sie in mir plötzlich nicht mehr zu finden glaubte, aus welchem Grund auch immer. Der Spaß war jedenfalls vorbei, denn daran wird man nur ungern erinnert beim Bücherschreiben, daß es eine Welt außerhalb der eigenen Vorstellung gibt, in der nicht alle gewillt sind, als Marionetten der Phantasie zu agieren. Plötzlich begriff ich den Verlust. ‚Nu ja, dir geht es nicht viel schlechter als Orpheus‘, beruhigte ich mich ‚der hatte Eurydike auch schon fast auf der Couch, als sie dann doch lieber kehrt machte.‘ Aber der Vergleich schien mir irgendwie unpassend. Deshalb hier dieser Aufruf: Katharina! Bitte melde dich!
Gregor Eisenhauer Erstabgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Unerwünschte Heiterkeit Wolf von Niebelschütz' vergebliche Galanterie
Werke der Kunst werden zerstört, sobald der Kunstsinn verschwindet Goethe
"Es muß Menschen geben, die das Schöne mit Freude bemerken, das Traurige mit Grazie übergehen oder es so in die Schönheit einschmelzen, daß beides zur Einheit wird und nur ein ungreifbares Fluidum von Melancholie als Folie dahinter schwebt." (Barock, 796) Wolf von Niebelschütz war ein solcher Mensch. Einer der wenigen in der deutschen Literatur. Geistreiche Autoren aber wurden von der Kritik hierzulande schon immer gern verachtet als leichtsinnige Plauderer, die ihr Handwerk ohne den nötigen moralischen Ernst betreiben. Wie aber kann ein Künstler ohne diesen Ernst Ernsthaftes schaffen wollen - fragen all jene, die wenig mehr als ihre moralische Untadeligkeit vorzuweisen haben.
Es ist jenseits dieses biederen Horizontes, daß es Schriftsteller gibt, die sich die allgegenwärtige Misere der Existenz nicht weniger zu Herzen nehmen als die professionell Betroffenen und die es trotzdem - aus Taktgefühl heraus - als Zumutung empfinden würden, anderen durch ostentative Weinerlichkeit vollends die Lust am Dasein zu rauben. "Aber der Sinn für das Vornehme scheint ausgestorben und ist vielleicht auch so selten wie das Vornehme selber, jenes halb angeborene, halb anerzogene Vornehme, das, halb Instinkt, halb erworbener Anstand, den Leiden und Schmerzen gleichsam aus Höflichkeit ihr Recht läßt, sie als einen selbstverständlichen Teil der seelischen Ökonomie begreift und es sich, aus Anstand, verbietet, öffentlich zu klagen, wodurch ja auch gar nichts gebessert wird." (166)
Es ist diese Zurückhaltung alles andere als nur eine Schwundstufe konventioneller Höflichkeit. Das Leiden der Opfer wird durch das eitle Gejammer all derer, die an der publizistischen Vermarktung des Elends verdienen, um keinen Deut gelindert, im Gegenteil: die wollüstig zur Schau gestellte Hilflosigkeit vermehrt nur das Gefühl der Ohnmacht und damit die Schar jener, die der kunstvoll zelebrierten Hoffnungslosigkeit wie einer Droge verfallen. Gerade die Deutschen lieben diesen Pomp. Aber Weltschmerz, so theatralisch er sich auch inszenieren mag, ist nicht per se Kunst.
"Heute kann in Deutschland nichts mehr gedichtet werden, es sei denn von vornherein tiefsinnig. ... Es ist nichts als Bildungsphilisterei, wenn wir uns einbilden, nur das Tiefsinnige sei bedeutend." (288) Eine Philisterei, die mit tatkräftiger Unterstützung bildungsunsicherer Feuilletonisten längst zur Norm geworden ist, so daß die peinliche Dürftigkeit ihrer Repräsentanten kaum noch Kritiker findet.
"Es ist nicht Aufgabe des Dichters, dem Philosophen ins Handwerk zu pfuschen." (396) Wozu auch? An Aufklärern besteht kein Mangel. Alle existenten, alle denkbaren Mißstände sind längst analysiert - die Literatur könnte folglich der Last des Didaktischen ledig sein - nur, wer hat vermocht, daraus Gewinn zu ziehen? "Es ist sehr verdienstlich, einer Zeit, die den Abgrund nicht sieht, den Abgrund zu zeigen. Im Augenblick, da alle Welt ihn sieht, heißt es Eulen nach Athen tragen ..." (398) Aber die "gemütliche Beschäftigung mit Untergangsvisionen" (159) dauert an. Es dauert an, die deutsche Beharrlichkeit, "mit der Titanisches in höhere Valeur gesetzt wird als Geklärtes, Bestürzendes für wesentlicher gilt als das Besänftigende, und das Ethos der Überwindung keinen Kurs hat gegenüber der Auflehnung." (Spiel, 159) Und das in einer Zeit, die nichts nötiger hätte als Haltung.
Inmitten einer übersatten Gesellschaft, in der die Genußsucht zur Volkskrankheit geworden ist, inmitten eines Wohlstandes, der sich nur noch um seine eigene Vermehrung sorgt, ist es ein moralischer, mehr noch, ein ästhetischer Imperativ, Haltung zu bewahren. Den Fatalismus der Geschichte besiegt nicht, wer vor dem Schicksal in die Knie geht; es ist allemal ehrenwerter, sich, belächelt als ewig sieglose Trauergestalt, der Flutwelle bedenkenlos fabrizierter Geschmacklosigkeiten entgegenzustemmen, anstatt sich von ihr zu Ruhm und Reichtum tragen zu lassen. Denn noch gibt es die Poesie. Noch ist die Möglichkeit des Schönen nicht widerlegt durch die Alltäglichkeit des Häßlichen. Kunst, die das in Erinnerung bringt, läuft leicht Gefahr im Kitsch zu enden - zumindest dann, wenn sie das Schöne als ungefährdet vorführt. Die epigonalen Lobredner einer romantische Naivität, die weltvergessen dem Wahnbild einer blauen Blume hinterhertaumelt, haben sich längst ebenso zum Gespött gemacht wie die pathoshörigen Dichterpriester der neuen klassizistischen Feierlichkeit; Kunst muß von der Melancholie des "trotzdem" zeugen, die herrührt aus dem Wissen, daß die Schönheit einer Butterblume genügen kann, einen Berg von Beton verschwinden zu lassen - aber nur für den Zauber eines heiteren Augenblicks.
Dieses Jahrhundert hat viele prognostische Phrasen der Theoretiker widerlegt, darunter auch die von der Machtlosigkeit des Individuums. In keinem anderen Zeitalter hat der einzelne, im Schrecklichen mehr als im Guten, so viel anrichten können wie im sogenannten "Zeitalter der Massen". Die Masse ist auf Helden angewiesen, sie fordert sie, um nicht vor ihrem eigenen Spiegelbild zu erschrecken. Diese idealistische Grundhaltung, die sich in der Vergottung von Film- und Fernsehstars, Kriegs- und Sporthelden auslebt, widerlegt alles zynische Gerede von der materialistischen Grundhaltung der Moderne. Die Menschen wollen Leitbilder, sie wollen poetische Verzauberung - aber kaum ein Schriftsteller von Rang zeigt sich dazu fähig. So verkommt dank der eilfertig einspringenden literarischen Handlanger der Trivialitätenindustrie, die aus kommerziellem Kalkül bereitwillig noch die unmerklichsten Niveauvorgaben der Verleger und Intendanten zu unterlaufen vermögen, die Sehnsucht nach dem besseren Selbst zur Idolatrie, der Wunsch nach dem anderen Leben zur Touristikreklame.
Es ist die persönliche Tragödie Wolf von Niebelschütz', daß er, der sich in den Zeiten einer dogmatischen Versklavung der Literatur zum Fürsprecher des Grundrechts auf Poesie gemacht hat, nie die verdiente Anerkennung beim Publikum fand. Den Kritikern war "Der Blaue Kammerherr" zu kunstgewerblich, den Lesern zu manieriert - eilige Vorurteile, an denen auch die Hochschätzung sachverständiger Kollegen nichts mehr ändern konnte.
Wozu sollte 1949, angesichts all der drängenden Zeitprobleme, angesichts all der Schrecken der jüngsten Vergangenheit, ein solch vielbändiges Panorama einer längst untergegangenen Epoche auch schon gut sein, bei dem - herumspukende Götter ausgenommen - noch nicht einmal das historische Personal zu identifizieren ist? Doch nur als Märchenbuch für Müßiggänger und Eskapisten. Wozu sollte diese mitunter sehr elegante, häufig gestelzte, und nicht selten überaus affektierte Prosa schon taugen? Allenfalls als Vademekum für Stilisten und Librettoliebhaber. Aber dieses farbenprächtige "Feudalpoem" ist weit mehr als nur ein bloßes Kostümfest, inszeniert von einem liebenswerten, aber hoffnungslos vorgestrigen Grandseigneur, dessen feinnerviger Geschmack und formsichere Gestaltungskunst allenfalls noch ästhetisierende Teekränzchen zu goutieren vermögen.
Kunst wirkt nicht durch ihren Gehalt, Kunst wirkt durch ihre Form. Die Anstrengung der Formgebung zeigt, was ein Künstler gelitten, was er geleistet hat, nicht seine lautstarken Absichtserklärungen. Nichts ist schließlich leichter, als tagaus, tagein Gott und der Welt zu fluchen; nichts müheloser, als unentwegt Betroffenheit zu dichten oder - von Tabuthema zu Tabuthema sich hangelnd - preiswürdige Skandale zu produzieren.
Die Verleumdung der Form war eine polemische Zwecklüge, sie hat ihre Funktion längst erfüllt, indem sie die epigonalen Schriftsteller der 50er Jahre bloßstellte, aber daraus darf nicht auf ihre zeitlose Gültigkeit geschlossen werden. "Es gibt keine Kunst ohne Form" (209) - das klingt selbstverständlich, ist es aber längst nicht mehr. In dem verkrampften demokratischen Bemühen, jedermann allerorten ein Mitspracherecht einzuräumen, hat man auch die notwendig aristokratische Standesordnung der Künste preisgegeben. Es ist aber für den Fortschritt nichts gewonnen, wenn man das kulturelle Erbe dem Egalitätsprinzip opfert. Eine Gesellschaft ist nicht schon deshalb eine gerechte, weil ihr Bildungsstand das niedrigste, d.h. allgemein zugängliche Niveau erreicht hat. Die völlige Preisgabe handwerklicher Selbstdisziplinierung im Verein mit einer allseits geförderten Traditionsvergessenheit hat zu jener Millionenzahl von Kreativen geführt, denen allein schon ihr unerschütterliches Selbstvertrauen als Ausweis künstlerischer Originalität genügt. Aber das Ideal einer demokratischen Massenkunst widerlegt sich durch die Masse des Hervorgebrachten selbst - die von unzähligen Sensitiven feierabendlich produzierte Billigware wird Müll, noch ehe sie den Verbraucher erreicht, denn gute Leser interessiert dergleichen ohnehin nicht und schlechte Leser schreiben selbst.
Es gibt - auch in der Kunst - Disziplinierungsformen, die durch den Fortschritt diskreditiert, aber keineswegs widerlegt sind; sie zu erinnern, wird um so dringlicher, je hoffnungsloser sich die Kultur in zynischer Beliebigkeit verliert. Die liberalistische Ideologie, allen Gewalten freien Lauf zu lassen, ist längst gescheitert; der vulgäre Individualismus, der sich selbst auf Kosten der Mitwelt alle Freiheiten gönnt, wurde zum Totengräber seiner selbst - es scheint nur ein Ausweg zu bleiben: die Renaissance der Form. Eine Renaissance, die nur dann nicht zur Restauration wird, wenn sich das von ihr wiederbelebte Ordnungsdenken gleichweit von anarchistischer Willkür und regelversessener Borniertheit entfernt hält. Wegweisend ist hier noch immer Schillers Programm einer "ästhetischen Erziehung des Menschen", in der die Kunst die Spielregeln des Zusammenlebens vorgibt, weil in ihr das gesellschaftliche Dilemma von Freiheit und Selbstbescheidung zu einem mühelosen Wechselspiel aufgelöst wird: die Freiheit der Erfindung und der Zwang zur Formgebung ergänzen sich im Kunstwerk nicht nur, sie bedingen einander.
"Alle Kunst, so auch die Dichtung, ist ein Spiel, ein schweres und tiefsinniges, freies Spiel des Geistes." (400) Die Kunst des Äquilibrierens, des heiteren Ausgleichs, der harmonisierenden Formgebung, die Niebelschütz nur im "Blauen Kammerherrn" so leichthändig praktiziert hat, können nur jene als poetische Verklärung abtun, die nicht anzuerkennen vermögen, daß hier aufs Angestrengteste versucht wurde, dem Leben durch die Kunst höflich, aber bestimmt die Stirn zu bieten. Es ist Wolf von Niebelschütz im "Blauen Kammerherrn" gelungen, eine Atmosphäre eben jener lichten Leichtigkeit hervorzuzaubern, die ihn bei Mozart oder Tiepolo in den Bann schlug. Eine artistische Leichtigkeit, die nicht als ästhetizistische Lässigkeit mißverstanden werden darf. Kunst ist Arbeit, und es ist ein Merkmal großer Meisterschaft, wenn man ihr die gestalterischen Mühen nicht anmerkt. "Es liegt ein Geheimnis des hohen Stils in dem, was nicht erwähnt wird." (348, Hoffm.) Nicht erwähnt, ist nicht gleichbedeutend mit nicht bedacht. Leser und Autor können sich ebensogut über das Erwähnte wie das betont Unerwähnte verständigen.
So ist die weltmännische Gelassenheit, mit der die aristokratischen Helden dieses Romans allen Widrigkeiten des Schicksals trotzen, durchaus kein Zeichen standesgemäßer Apathie, sondern Resultat einer ebenso sorgfältig einstudierten wie ironisch zur Schau gestellten Selbstüberheblichkeit, die den Göttern nicht das geringste Recht auf Einmischung zugesteht: "Ich habe gelebt in großen Verhältnissen, ich bin gestorben in großen Verhältnissen. Und wenn er mich zermalmt: ich werde die Erde nicht verraten an den Himmel."
Das politische Versagen der deutschen Aristokratie hat dieses Ideal des Weltmannes diskreditiert. Zu Unrecht. Es gibt auch andere Tugenden als die bürgerlichen, und man vergibt sich nichts, sich ihrer zu erinnern. So ist die in diesem Roman allenthalben hervorgekehrte Abscheu vor schlechten Manieren alles andere als altväterliche Mäkelei; schließlich wird es kein Zufall sein, so könnte eine der unausgesprochenen Anklagen des "Blauen Kammerherrn" lauten, daß gerade dieses stilvergessene Jahrhundert zum bislang barbarischsten der Menschheitsgeschichte wurde.
Die moralische Instanz der Etikette ist mitsamt dem künstlerischen Ideal der Form in Verruf geraten. Aber die Galanterie als soziales Verhaltensmuster ist nicht schon deshalb widerlegt, weil die Zahl der Rüpel überhand genommen hat. Das Mängelwesen Mensch ist in seiner natürlichen Nacktheit eine viel zu dürftige, eine viel zu bösartige Erscheinung, als daß es guten Gewissens auf diese ethischen Haltungshilfen verzichten könnte. Es sei denn, der Verzicht erweist sich als so profitabel wie in den Unterhaltungsindustrien, die mit stumpfsinniger Beharrlichkeit die gesellschaftliche Verrohung vorantreiben. Eine Verrohung, der Wolf von Niebelschütz, wissend um die Unzeitgemäßheit seines Vorgehens, das spätbarocke Ideal des höfisch-selbstdisziplinierten Menschen entgegensetzte. Nicht in dem sentimentalen Irrglauben, es könnte eine Zeit wiederauferstehen, von der er selbst nur allzu genau wußte, daß sie weitaus weniger prächtig war als die von ihr hinterlassenen Denkmäler. Aber eben diese Kunstwerke, die der Musik und Architektur mehr noch als die der Literatur, bezeugen, was heute nicht weniger wichtig wäre: den Mut zur Form, zur poetischen Idealisierung inmitten widrigster Lebensumstände.
Im "ironisch durchwitterten Zauberspiel" (539) des "Blauen Kammerherrn" werden die längst zum Abdanken gezwungenen Götter der Antike wieder zum Leben erweckt - warum? Nur der operettenhaften Unterhaltung wegen? Der Umgang des Erzählers mit Zeus und Familie ist ohne Zweifel respektlos, aber nicht hämisch. Nur ein Erzähler hat mit ähnlich humoristischer Souveränität die Welt des Mythos in aller Heiterkeit wieder auferstehen lassen: Thomas Mann im "Josephsroman". Beiden, Wolf von Niebelschütz wie Thomas Mann, ging es in ihren anachronistischen Epen darum, das poetische Ideal einer Vereinigung von "Humanität und Divinität" (383) wiederzubeleben. Das mag heute als altertümelnde Utopie erscheinen, aber erst diese Rückbesinnung auf die göttliche Abkunft des Menschen und sein ewigwährendes Ungeschick sich dieser hohen Geburt als würdig zu erweisen, schafft bei Thomas Mann wie bei Wolf von Niebelschütz jene apollinische Heiterkeit, ohne die die Zumutungen der Realität kaum zu ertragen, die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren schwer zu bewahren wäre. Eine Heiterkeit, die allerdings um so melancholischer stimmt, je offenbarer wird, daß beide für eine verlorene Sache gekämpft haben - Wolf von Niebelschütz noch dazu ohne Gewinn.
Daß der "Blaue Kammerherr" kein Verkaufserfolg wurde, ist die Schuld der Leser. Die Verleger haben sich seiner angenommen, es gab sachverständige Fürsprecher, aber das Publikum hat ihn im Stich gelassen. Offenbar wollten und wollen sich die wenigsten den Mühen einer Lektüre unterziehen, die ihnen nicht die Pantoffelwärme des immer schon Gewußten bietet. Aber diese Scheu vor der vermeintlich so kalten Arroganz des Stilisten ist unbegründet.
"Die trösten uns am verläßlichsten," so Golo Mann im Andenken an Heinrich Heine, "die ihren tiefen Ernst hinter Scherzen verbergen; die den Zweifeln und Leiden ihrer Seele Rhythmen, Farbe, schönen Klang verleihen." Denn der Geist soll sich wehren und nicht mit weinerlicher Voreiligkeit seine Niederlagen auskosten. Er soll nicht stammeln in simulierter Hilflosigkeit, und er soll sich nicht in den Eitelkeiten narzißtischer Redseligkeit verlieren. Je fundamentalistischer sich die Zeit gebärdet, desto lebensnotwendiger ist eine spöttische Intelligenz; je diktatorischer die Herrschaft der Phrase, desto unabdingbarer ist ironische Distanziertheit. Schon deshalb kann es sich ein so sprachunsicheres Volk wie das deutsche nicht leisten, einen Stilisten vom Rang eines Wolf von Niebelschütz zu vergessen.
Drehbuchlesung in
Clärchens Ballhaus
Mag sein, daß kreative
Menschen einander so gern in den Arm nehmen, weil sie sich tagtäglich ihrer
Existenz versichern müssen. Aber ein seltsamer Anblick ist es schon, wenn
Erwachsene in rascher Folge andere Erwachsene heftig an sich ziehen, und
wieder von sich stoßen, nur um dann mit merklich gemäßigterer Leidenschaft
die Frage zu stellen: "Und was machst Du so gerade?"
"Unheimlich
viel!" Und das ist noch untertrieben, denn was dann folgt, ist eine
Aufzählung, die nur dank der raschen Partnerwechsel ein Ende findet. Alle
hier, die zur Drehbuchlesung gekommen sind, arbeiten fürs Theater oder fürs
Fernsehen, planen einen Kinofilm, oder schreiben gerade das Drehbuch für
einen Freund, der einen Kinofilm plant, und das alles tun sie meist
gleichzeitig.
"Wahnsinnig
interessant!" Ist es ja auch wirklich, zumal für all jene Gäste, die
noch keine Kollegen sind, weil sie es erst noch werden wollen, oder weil sie
einen anderen Beruf haben, was sie aber nie zugeben würden. Denn während sich
bei Dichterlesungen ja meist nur noch jene einfinden, die zum Leben zu müde
und zum Sterben zu blaß sind, treffen sich hier in Clärchens Ballhaus die
schönen und interessanten Menschen. Allerdings nicht ganz so viele wie
erhofft, und was vielleicht noch mehr verstört: sie benehmen sich nicht wie
schöne und interessante Menschen sich eigentlich benehmen sollten. Vor der
Vorstellung schon, und danach auch, wenn es wieder auf den Bussiparcours
geht, aber nicht dazwischen, wenn andere die Bühne besetzt halten. Da tun sie
das, was alle in der U-Bahn tun, oder im Auto an der Ampel, sie schnippen die
Schuppen aus ihrer Frisur, maniküren die Fingernägel, zupfen Haare aus der
Nase oder Schlimmeres, kurz, sie tun das, was sie eigentlich lieber im
Badezimmer tun sollten, wenn überhaupt, und sie tun es, weil sie alle anderen
für blöd halten. Denn eigentlich müßten sie doch wissen, daß die wenigsten im
Saal das Geschehen auf der Bühne interessiert.
Natürlich gilt das nicht
für alle. Die Angehörigen des Autors und seine Freunde amüsieren sich
durchaus. Und die sechs Schauspieler mitsamt Vorleser auch. Denn sie wissen
genau, daß sie selbst um so überzeugender wirken, je schlechter der Text ist,
den sie vortragen. So gesehen waren sie brillant.
Es ist eine Story, wie Til
Schweiger sie hätte erfinden können: Ein Polizist mit Abitur rettet eine
Poesie sekretierende Irrenhäuslerin, und solchermaßen postiert, mit dem
Rücken zur Wand nämlich, vögeln sie, bis das Unglück über ihnen
zusammenbricht.
Das ist witzig für alle
jene, die in die Hauptstadt gekommen sind, weil sie anderswo auch nicht
zurecht kommen. Die lachen dann. Um sich und anderen zu beweisen, daß sie
einen Gag kapieren, auch wenn er noch so umständlich formuliert ist. Und daß
sie den guten Willen honorieren. Das läßt dann wiederum die anwesenden
Drehbuchschreiber unruhig werden, die sich untereinander schon längst
verständigt hatten, gähnend, und lässig abwinkend, weil sie für jeden Satz,
der dort auf der Bühne gesprochen wurde, einen besseren hätten finden können.
In irgendeinem der Filme, aus denen für gewöhnlich geplündert wird. Aber in
die Verachtung für all die naiven Claqueure des Affekts, die noch immer
hinter jeder sentimentalen Tröpfelspur ein blutendes Herz vermuten, mischt
sich doch so etwas wie professionelle Verwunderung über das scheinbar niemals
zu stillende Bedürfnis nach Schicksalen aus zweiter Hand. Woraus sie insgeheim
folgern, daß sie dem Fernsehpublikum noch viel dümmere Serien zumuten können,
wenn hier, in dieser Runde der schönen und interessanten Menschen, schon so
herzlich über den Abklatsch des Abklatschs gelacht wird. Und in der
wirklichen Gefühlsaufwallung eines aus Verzweiflung geborenen Durstes blicken
sie auf die Gesichter der Kellner, die einzigen, die nicht ratlos wirken,
weil sie nämlich einen ordentlichen Beruf haben. Und wissen, wozu sie gut
sind. Das wissen die meisten anderen im Raum nicht. Die teilen nur das vage
Unbehagen, einer Berufsgruppe anzugehören, die eigentlich überflüssig ist.
Wenn sich also zum Abschied wieder alle in den Arm nehmen, dann hat das
seinen guten Grund.
Gregor Eisenhauer
"Der Rest ist nur Cleverness". Warum Umberto Eco noch viele Romane schreiben wird.
Der übelste Stil entsteht, wenn man etwas nachahmt und gleichzeitig kundgeben will, daß man sich diesem Nachgeahmten überlegen fühlt.
H. v. Hofmannsthal
Hätte Franz Kafka auf den wohlmeinenden Rat seines Freundes und Lektors gehört und seine allzu alltagsnahe Erzählung aus dem Prager Kleinbürgermilieu mit dem griffigeren Titel "Skarabäus" überschrieben; hätte er in ihr den Goldkäfer Edgar Allan Poes zum Opfer der subtilen Jagdgier eines greisen deutschen Dichterkriegers werden lassen und den Golem auf einer Mistkugel durch die 707 Räume der Hofburg gerollt, vorbei an Ahasverus, dem Ewigen Juden, und Jorge Luis Borges, die gerade die Öffnungszeiten der Bibliothek von Babel beratschlagen, dann wäre er sicherlich erfolgreicher gewesen. Oder auch nicht.
Die Postmoderne lebte von der Tradition. Nun, da sie aufgezehrt hat, was aufzuzehren war, ist sie am Ende. Die Postmoderne lebte davon, das alte Denken zu diskreditieren, und nun, da es nichts mehr zu diskreditieren gibt, ist sie bankrott. Im wissenschaftlichen Alltag ohnehin, dort hat sich längst Ernüchterung breit gemacht über die Zumutungen einer Theorie, die im wesentlichen über die Eitelkeiten ihrer Betreiber Wirkung erzielte. Und so ist das herostratische Wagnis, die überbordende Lagerhalle der Tradition abzufackeln, längst zur mutlosen Brandstiftelei verkommen. Hier und da legt man noch etwas Feuer an, aber keine Lunte zündet. Wie auch? Anders als in den Naturwissenschaften gibt es in der Geistesgeschichte nach 3000 Jahren angestrengten Forschens keine Sensationen mehr. Nur immer neues Erinnern.
Das weiß auch Umberto Eco, und so ist er nach allen insgeheimen und eingestandenen Revisionen längst wieder da angelangt, wo er schon immer hatte sein wollen. "Das offene Kunstwerk", in den langen Jahren ungehinderten Zugangs heruntergekommen zum Selbstbedienungsladen für die interpretationsscheuen Assoziationsaktivisten des "Du, mir fällt da was ein ...", wurde wieder geschlossen - zumindest für den Mob der privatistischen Plünderer. Und die Diskussion darüber, ob und wie sich jeder Textsinn durch schwallende Dekonstruktion homöopathisch verflüssigen läßt, ist, zumindest für Außenstehende, längst ins Komische entglitten. Für manche sind Bücher eben nur Spiegel. Auch das weiß der Wissenschaftler Umberto Eco. Denn er war stets so traditionsbewußt, sich nicht an die eitlen Extreme des akademischen Laufstegs auszuliefern. Er war kein Neuerer um der karrieretauglichen Neuerung willen, kein Revolutionär des Profits wegen, und doch ist er zur Gallionsfigur der Postmoderne geworden, durch einen Roman, der kein Roman ist, weil er exemplifiziert, was seit den Tagen Felix Dahns längst nicht mehr exemplifiziert werden muß, daß Professoren keine Romane schreiben können. Aber, so der unweigerliche Einwand derer, die ihren Kunstgeschmack demokratisch legitimieren: Millionen begeisterte Leser können nicht irren. Doch, das können sie. Und sie haben es immer getan. Und noch nie wurde es ihnen so leicht gemacht. Durch den Autor, und durch die Kritik. Denn noch nie war der Kolportageroman des gehobenen Mittelstandes so geschickt geschrieben, und noch nie wurde er so leichtfertig zur großen Kunst erklärt. Und das ist eine Lüge.
Natürlich, Umberto Eco ist geistreich und unterhaltsam. Er war es im "Namen der Rose", und er wird es auch in seinem neuen Roman sein. Und im darauffolgenden. Ecos literarisches Werk ist schon jetzt umfangreicher als das Kafkas. Er hat in Seitenzahlen zu Joyce aufgeschlossen und wird in absehbarer Zeit Proust übertreffen. Wozu? Und unweigerlich wird man zurechtgewiesen, daß Literatur nicht für ein Wozu da sei. Gut. Wozu dann? Zu nichts! Zu nichts? Literatur, so der mokante Bescheid, hat keine Wirkung - sie hat nie Menschen gebessert, nie Leiden getilgt, nie Hoffnungen Wirklichkeit werden lassen. Und auch das ist eine Lüge. Denn nie gab es etwas wirkungsmächtigeres als Literatur. Und wer die Bibel nicht anführen wollte, der könnte Homer anführen. Und wem Goethe zu mitleidlos ist, der könnte Büchner nennen. Und wer nicht allzuweit zurückdenken will, beruft sich auf Tucholsky oder Kästner. Meinetwegen auch Karl May und Hesse. Literatur wirkt. Sonst hätte sie keine Leser. Leser, die ein anderes Denken, ein anderes Sprechen, eine neue Heimat von ihr erwarten - und natürlich Unterhaltung.
Und schon immer gab es Schriftsteller, die ihren Beruf ernst genommen haben, und schon immer gab es Kulissenschieber und Virtuosen des Kastratengesangs. Aber selten wurde so wenig vermißt, was den eigentlichen Wert guter Prosa ausmacht: die Poesie. Allein der antiquierte Klang des Wortes schreckt auf. Aber Poesie meint hier nicht die blaue Blume in Geschenkpackung, Poesie meint die Gewißheit, daß es sich um Kunst handelt. Und nicht um Handwerk. Der technische Spagat über den vermeintlich unauslotbaren Abgrund des postmodernen Nichts ist längst zur akademischen Gymnastik verkommen. Und das Publikum applaudiert allem, sofern es nicht durch die Langeweile und den falschen Ernst der Tiefdenker verschreckt wird. Zu Recht. Die Leser sind falsche Betroffenheit leid; sie sind, auch das zu Recht, falschen Feinsinn leid, aber daraus folgt nicht das Recht der Autoren, Banalität in Serie zu fabrizieren.
"Der Name der Rose" war ein Geniestreich mit suizidalem Ausgang. Eine seitenstarke Nichtigkeit, die eine Saison lang schwer wog, um dann zusehends an Gewicht zu verlieren. Und die enthusiastischen Urteile von damals werden vielen schon schal nachschmecken. Und sie werden um so schaler, je geschwätziger sich die Epigonen des Epigonen um Nachahmung mühen. Denn das war die Lehre, daß dieser Geniestreich, der keiner war, nicht wiederholt werden kann, weil jetzt, da die Mechanik des Erfolgs leerläuft und der Zauber unerwarteten Memorierens nicht mehr blendet, das Gerede nur noch Gerede ist. Denn Umberto Eco kann vieles schreiben. Aber sicherlich nie etwas, das nur entfernt so anrührt, wie eine Erzählung Döblins. Muß man ihm das zum Vorwurf machen? Wem sonst soll man es zum Vorwurf machen? Niemand wird einem Lohnschreiber vorwerfen, daß er für Geld schreibt, niemand einem Karrieristen verargen, daß er blufft. Aber einem, der zurückblicken kann, der genug hat, sich zu bescheiden, dem wird man zum Vorwurf machen können, daß er dieses Spiel weitertreibt. Aber natürlich gibt es gute Gründe. Wer wird denn, so die Litanei des Chors der Wägenden, Originalität erwarten, wenn diese Erwartung nachgewiesenermaßen eine geschichtlich überholte ist? Zitat, Collage, Montage, Plagiat, das alles sind längst approbierte Produktionsmittel der Moderne. Und ist nicht das Verlangen nach Neuerung selbst ein verdächtiges angesichts der mehrheitsfähigen Übereinkunft, daß die Literatur der Zukunft vollauf ihr Genüge darin finden kann, sich in der Vergangenheit zu spiegeln? Und überhaupt, so der finale Bittgesang der Leutseligen, weshalb so streng? Denn schließlich, an der poetischen Diskretion Kafkas gemessen, ist auch Thomas Mann geschwätzig. Warum also auf einen amüsanten Erzähler wie Umberto Eco verzichten?
Weil nach Abzug aller fremden Anleihen kein Rest bleibt. Was tatsächlich bleibt, ist die Gewißheit, daß alles professorale Raffinement nicht ein Gran Poesie aufwiegt. Und Poesie meint hier nicht weltflüchtiges Lyrisieren, sondern schärfstes Konzentrat dessen, was unsere Gegenwart ist. Aber davon findet sich in den Romanen Ecos keine Spur. Weder bei ihm noch bei seinen Nachahmern.
Also setzt man die Leser vor das große Bilderbuch der unendlichen Geschichte, und es wird ihnen umgeblättert, bunte Seite um bunte Seite, bis ihr Staunen vollends begriffsstutzig geworden ist. Und ihr Unbehagen an der Welt nurmehr ein diffus gefühltes, dem aufzuwarten die Handlanger des Esoterikgewerbes bereitstehen - aufmunternd belächelt von den postmodern Altklugen. Denn in der Delikatessenkultur der Gegenwart wird gerade dieses Spektakel bevorzugt goutiert, wie nämlich eine leidenschaftslos gewordene Vernunft ihre Gegner zu immer bedrohlicheren Launen ermächtigt, in der irrwitzigen Hoffnung, sich dieser Vitalität zur eigenen Genesung bedienen zu können. Und so wurde der alte Feger Irrationalismus unversehens wieder zum Zauberbesen, und das schlechte Gewissen, das seine Beschwörung notwendig begleitet, entgelten seine Handhaber mit Ignoranz. Denn während die Flut des Flachsinns steigt, posieren sie unverdrossen den wägenden Denker. Den Denker der Ambivalenzen.
Dessen windelweiches "Jein" eint Pressesprecher und Postmodernisten, ein "Jein", das keinen Streit über die Misere aufkommen läßt, sondern nur seichtes Gewäsch, in dessen Trübheiten jedem zu fischen erlaubt ist, sofern die Angel nur melancholisch genug hängt. Denn das einzig gebliebene Vergnügen dieses neuen, längst telegen gewordenen Obskurantismus ist es, die Vernunft zum Popanz zu kostümieren, um sie dann mit theatralischer Gebärde bis zur Erbärmlichkeit herunterzuputzen - unter dem Beifall gedächtnisschwacher Claqeure, denen souffliert wurde, die "Dialektik der Aufklärung" sei eigentlich der Titel einer verschollenen Frühschrift Derridas. Und warum soll es keine Ufos geben?
Aber es mehren sich die Zweifel, die Zweifel daran, ob diese Wortführer des Blablablas tatsächlich noch etwas zu sagen haben. Und der Überdruß läßt mehr und mehr lächeln über all die nackten Könige und Altersprinzen, die das literarische Zepter nurmehr führen, um in ihren behaglich restaurierten Dichterklausen vorgestrige Phrasen zu dreschen. Phrasen, die niemand mehr hören will. Denn es scheint eine immer zumutbarere Verantwortung für die Literatur, die Gegenwart nicht länger außer acht zu lassen. Zumal die postmoderne Spielwiese längst abgegrast ist. Und so keimt die Hoffnung auf, daß sich der wiederkäuende Blick des ein oder anderen hebt auf die Höhe der Welt ringsum. Damit es ihm die Sprache verschlägt. Und das Geschwätz ein Ende hat. Denn im Grunde sind wir es alle leid. Das Geschwätz derer, die um ihr Brot plappern, und das Geschwätz derer, die es längst nicht mehr nötig haben. Und ein Mann wie Umberto Eco, der die intellektuelle Statur hat, sollte ein Zeichen setzen: und still sein. Aber er wird weiter Romane schreiben. Weil ihm der Mut fehlt innezuhalten. Das ehrt ihn als Geschäftsmann. Aber nicht als Schriftsteller.
Der Text wurde nach Erscheinen von Foucaults Pendel geschrieben.
Kumpel, Gönner und Ganoven Horst Ehmke ist kein gewöhnlicher Kriminalautor. Darauf legt er Wert. So lud der sozialdemokratische Bundesminister a. D. zur Präsentation seines Buches "Der Euro-Coup" seinerzeit in die Gesellschaftsräume der Commerzbank, nahe dem Brandenburger Tor. Damals hielt die Laudatio der bei Gefälligkeiten nie verlegene Lothar Späth. Dieses Jahr übernahm Otto Schily das Amt des Lobredners, und wieder war das Lokal ein einschlägiges: Der Kaisersaal der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, die dem Reichstag benachbart ist. Ein Staatsakt also. Im jovialen Rahmen. Denn der Bundesinnenminister war sich nicht zu schade, den Auftaktwitz der Vorjahresmatinee zu wiederholen: Horst Ehmke steigt in ein Taxi. Der Taxifahrer fragt: "Wohin?" Horst Ehmke antwortet: "Egal, ich werde überall gebraucht!" Zweifellos auch in der deutschen Literatur, denn Kriminalromane mit politischer Ambition sind selten. Und wer wäre geeigneter, einen solchen zu verfassen, wenn nicht der ehemalige Bundesjustizminister, Bundespostminister, Kanzleramtschef und Minister für besondere Aufgaben. Darüberhinaus ist Horst Ehmke noch immer Sozialdemokrat, und als solcher dem Wohl der Leser mehr als der eigenen Intellektualität verpflichtet. Entsprechend heftig wird gemordet und geliebt in diesem Roman, was wiederum dem Bundesinnenminister sichtlich Unbehagen bereitete. Denn Otto Schily war weder in der Lage, die Handlungsstränge zu entwirren, noch vermochte er die Zahl der Opfer präzis zu überblicken. Was beim Publikum leichter fiel, denn mehr als dreißig Interessierte hatten sich im Kaisersaal nicht eingefunden. Vielleicht, weil der gleichzeitig stattfindende Demonstrationszug für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten kurzfristig die Zufahrtswege blockiert hatte. Vielleicht auch, weil der Kampf der Kulturen in Berlin zu augenscheinlich ist, als daß er belletristisch banalisiert werden müßte. Denn, daran ließ Otto Schily keinen Zweifel, um große Literatur handele es sich bei diesem Buch selbstverständlich nicht – auch wenn Horst Ehmke im gleichen Jahr und im gleichen Ort wie Günther Grass geboren sei. Eine Koinzidenz ohne Folgen – leider, soufflierte die Süffisanz. Dennoch, befand der Bundesinnenminister, und diese mildtätige Geste sollte sich noch rächen, sei "Himmelsfackeln" nicht zuletzt aufgrund seiner sorgfältig recherchierten Realitätsbezüge durchaus lesbar. Horst Ehmke strafte den Minister auf der Stelle Lügen, indem er das Eingangskapitel vortrug, in dem wenig glücklich versucht wird, die Dramatik einer tödlichen Verfolgungsfahrt mit den mnemotechnischen Komplikationen einer Taxischeinprüfung zu verquicken. Dennoch, und da sind sich beide Politiker in der Abschlußdiskussion einig: Die Gefahren des islamischen Fundamentalismus sind nicht von der Hand zu weisen, und der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union ist ein notwendiger, aber mittelfristig durchaus zäh und beharrlich zu verfolgender Prozeß. Bevor der Bundesinnenminister vor dieser letzten Platitüde fliehen konnte, gelang Horst Ehmke dann doch noch die Rache für die unterbliebene Laudatio und letztlich auch der Nachweis, daß er noch immer der bessere Mann für den Job des Bundesinnenministers wäre, zumindest der Gebildetere. Als solcher legte er den Fallstrick in Form einer harmlosen Quizfrage aus, der Titel des Romans nämlich, "daran wolle er noch einmal erinnern": "Himmelsfackeln!" "Ein seltenes Wort", betonte Horst Ehmke, "und ein poetisch sehr eindrucksvolles". Otto Schily nickte einverständig und nahm dankbar den Fifty-Fiftyjoker entgegen, in Form von Versen nämlich: "Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn. Weh denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelsfackel leihn! Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden und äschert Städt und Länder ein." Tja, und nun die Frage an Sie: Kannte der Bundesinnenminister den Autor dieser Verse über ein im sakralen Bereich viel verwendetes Schlagwerkzeug? Der Autor war übrigens – dies eine kleine Hilfe – eine Zeitlang gut mit Johann Wolfgang von Goethe befreundet. Und wenn nicht, was hatte er dann eigentlich auf einer solchen Veranstaltung zu suchen?
Gregor Eisenhauer
"Ein Dichter kann viel mit Worten – manchmal sogar denken."
Günter Kunert, Rita Dove und Inger Christensen im Gespräch.
Am Abend war die Lesung gewesen, im Rahmen des Berliner Literaturfestivals, und der Publikumszuspruch war dem Rang der Autoren entsprechend. Tags darauf, in der sonntäglichen Matinee, sollte vor dem kleineren Kreis der biographisch Interessierten Auskunft gegeben werden über Leben und Werk, und beider Verflechtung.
Sein erstes Gedicht, Günter Kunert erinnert sich genau, war ein Schöpfungsakt, und zwar trat er selbst, Günter Kunert, als Dichter in die Welt, und er brachte völlig neue Worte mit sich, ungebrauchte Worte, zumindest in dieser Weise noch nicht gebrauchte Worte. Und die Freude darüber war so nachhaltig, daß er sie noch immer verspüre, bei jedem neuen Schöpfungsakt. Auch wenn späte Meisterschaft den Blick versierter werden ließ, ungerührter, vielleicht auch kälter, so glimmt doch diese erste freudige Überraschung fort, will erinnert werden, immer wieder neu gefühlt sein. Er sei nun mal ein Dichter, sonst nichts, auch wenn er male, rasenmähe oder schweige, sei er ein Dichter, und in Anerkennung dieses existentiellen Auftrags scheue er sich nicht, auch weiterhin zu dichten bis zum letzten Atemzug sozusagen.
Rita Dove, die Schwarzamerikanerin, nennt ihr erstes Gedicht ein Gelegenheitsgedicht; über einen Osterhasen schrieb sie als Jugendliche, der etwas verlegen sein Handwerk ausübte, weil ihn Schlappohren verunzierten. Auf den Rat der klugen Eule hin ließ er sich von einem Ast hängen, auf daß er - kopfüber - sein Handicap zumindest zuweilen vergessen möge.
Es reimte sich, erinnert sich Inger Christensen, es wurde veröffentlicht, mein erstes Gedicht, und fortan galt ich als Dichterin.
Gute Gedichte und schlechte Gedichte, wie seien sie zu unterscheiden, fragt der Moderator. Günter Kunert kommt seinen Mitstreiterinnen höflich zuvor, indem er die unliebsame Aufgabe übernimmt, darauf hinzuweisen, daß schlechte Gedichte vorwiegend von Lesern produziert würden. Er selbst liest dergleichen zugesandtes Ungeschick nicht ohne Rührung, denn, das müsse er nun einmal so ungeschützt sagen, Dichter werden geboren, nicht allzu häufig geboren, und ihr Leben ist eine Fron, und letztlich gebe es nur drei oder vier Gedichte, die einem geschenkt werden im Jahr, so als ob ein Reh auf eine Lichtung tritt, und dann ist es da, exklamiert er.
Die Worte erfinden sich selbst, wir handeln in ihrem Auftag, begütigt Rita Dove, und dennoch, gesteht sie, auch wenn sie auf Vollendung achte, so liebe sie doch ihre schlechten Gedichte wie mißratene Kinder. Sie werfe sie weg, bemerkt Inger Christensen.
Was denn ein Gedicht nun eigentlich sei, fragt der Moderator und gibt unwillkürlich Kunert das Wort.
Er sei ein Misanthrop und als solcher berüchtigt, wenn nicht gar verrufen, hatte Kunert am Abend zuvor verlautbart, er sei zudem ein Humorist und noch immer ein großer Liebender, wie er mit erotischen Gedichten zu untermalen versucht hatte, und er sei ein Klassiker, sagt er mit einem Lächeln, das zu verstehen gibt, daß er die Ironie in diesen Worten nicht allzu ironisch genommen wissen will. Und ein Gedicht? Nun ja, ein Gedicht ist immer ein Rätsel, in dem sich der Autor ausspricht als Leidender, als Liebender, als einer der die Zeit überdauert. Ein Mysterium sei ein Gedicht, ein Mysterium der Selbstverwandlung, aber auch, so schließt er gerührt, sehr dinglich, wie ein Vogel etwa, es muß fliegen können, eine Botschaft hinaustragen in die Welt.
Rita Dove nickt höflich. Was ein Gedicht ist, hat sie am Abend zuvor gezeigt, in Versen, die von dem Massaker auf Haiti handeln. Dort wurden im Herbst 1937 Tausende schwarzer Arbeiter ermordet, weil sie das spanische Wort für Petersilie nicht aussprechen konnten. Worte sind wichtig, lebenswichtig zuweilen: Sie sind Losungen für das große Unbekannte, um das wir uns mühen und für das wir einstehen müssen.
Natürlich, und durchaus auch mit der eigenen Person, unterbricht Günter Kunert, denn hinter jedem Gedicht stehe nun einmal das Leben.
Oder davor, Inger Christensen blickt ihn etwas verlegen an. Günter Kunert blickt fragend zurück. Ein Gedicht besteht doch nur aus Worten, antwortet Christensen auf die ungestellte Frage. Und Gedichte schreiben heißt, sich bescheiden auf die Möglichkeiten der Sprache.
Ja, aber der Dichter ist doch auch Magier, Prophet, dessen Weissagungen sich nur allzuoft ins Wirkliche verkehren, nicht aufs Wasser geschrieben waren seine Worte, auf die Mauer! Kunert hält inne, erinnert sich und das Publikum an seine frühen Werke.
Ach, eigentlich gehe es doch nur darum, sagt Inger Christensen in die Stille der Rührung hinein, einfache Worte in die richtige Reihenfolge zu bringen.
Aber es muß doch fliegen können wie ein Vogel, beharrt Kunert aufgeregt. Sicher, nickt Inger Christensen, aber ihr geschehe es allzuoft, daß es nur hüpft.
Humpelt, korrigiert sie Günter Kunert, weil er das letzte Wort behalten will, und Inger Christensen überläßt es ihm.
Gregor Eisenhauer
Schwejk in Stahlgewittern. Ernst Jüngers Politische Publizistik
Die Berliner Republik hat keine politischen Vordenker. Augsteins "Spiegel" macht seine Geschäfte noch immer mit der vermeintlichen Gegenwart der Vergangenheit. Die "Zeit" reanimiert in Ermangelung liberaler Profile Kardinal Ratzinger als Nuntius neuer Werte, während die "FAZ" die Zukunftsdebatte kurzerhand an die Wissenschaftsredaktion delegiert. Und sonst? Der "Merkur" bleibt ungelesen, Gremliza ein Deckname vergessener Debatten, allenfalls Alice Schwarzer steht als Person noch für eine gute Sache – und wird als solche, als Sentimentalität nämlich, bis zur Unkenntlichkeit vermarktet.
Und die Schriftsteller? In der literarischen Republik der Kumpfmüller und Lehmänner werden die Einsprüche von Günther Grass oder Martin Walser allenfalls noch zum Anlaß genommen, sich feuilletonistisch abzureagieren. Das Dilemma des demokratischen Journalismus: er läßt keine Größe zu und vermißt sie dennoch allenthalben. Und da man Zeitgenossen durchaus keinen Respekt entgegenzubringen vermag, restauriert man die Außenseiter vergangener Tage zu Helden des Jetzt, im Guten wie im Bösen. Der publizistische Kult um Sebastian Haffner und Victor Klemperer ist nicht weniger heuchlerisch als der seinerzeitige Impuls, den Wilfinger Sarkophag zu öffnen und die Greisengestalt Ernst Jüngers noch einmal auf die literarische Bühne zu hieven. An diesem Akt vorsätzlicher Nekrophilie hätte vermutlich auch die frühzeitige Publikation seiner politischen Schriften nichts geändert, denn keine Meinung im rechten literarischen Spektrum ist zu verquer, als daß sich nicht ein Literaturwissenschaftler fände, sie rhetorisch zu entschärfen.
Bei Jünger wird das allerdings fortan schwerer fallen – denn auch wenn die jetzt erschienene Sammlung seiner politischen Aufsätze im einzelnen keine Überraschungen bietet, so ist sie doch in der Summe ein erdrückendes Zeugnis. 660 Seiten politischer Prosa, beginnend 1919, dem Jahr des Versailler Vertrages, endend 1933, dem Jahr der Machtergreifung, "das in der Geschichte als das Jahr der Wiederbesinnung des deutschen Volkes auf seine großen Aufgaben immer denkwürdig bleiben wird." 144 Beiträge - politische Aufsätze, Buchbesprechungen, Vorreden zu eigenen Werken, Texte zu unterschiedlichen Anlässen und in unterschiedlicher Art, denen dennoch eins gemeinsam ist: der stramm nationalistische Ton und der hetzerische Impetus.
"In seiner verquasten Radikalität", beeilt sich denn auch der Herausgeber Sven Olaf Berggötz zu entschuldigen, "entspricht der Jünger der zwanziger Jahre am ehesten dem klassischen Typus des zornigen jungen Wilden ... Vergleichbar Schiller oder auch einem jungen Peter Handke ..." Bei allem Respekt vor den Schwierigkeiten einer Herausgebertätigkeit in diesem besonderen Fall, aber es ist bei solchen Vergleichen durchaus nicht ohne Belang, gegen wen sich der Zorn jeweils richtete.
Ernst Jünger war Antisemit. Natürlich nicht im vulgären Sinn des Wortes; er fraternisiert nicht mit den Grölparolen des Pöbels, sondern überbietet sie infam, indem er den "Zivilisationsjuden" nur noch die Wahl läßt, "in Deutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein".
Ernst Jünger artikulierte mehr als nur "klammheimliche Freude" am Niedergang der Demokratie – er war ein Staatsfeind. Jünger paktierte mit Hermann Ehrhardt, der die Morde an Erzberger und Rathenau, sowie das Attentat auf Scheidemann organisiert hatte. Er applaudierte öffentlich den Bombenanschlägen der Landvolkbewegung, die sich gegen den "jüdischen Parlamentarismus" richteten; und er war ein früher Parteigänger Hitlers - "Wir wünschen dem Nationalsozialismus von Herzen den Sieg". Daß sich Jünger bald darauf wieder distanzierte, hatte einzig den Grund, daß er Hitlers legalistische Strategie der Machtergreifung als zu bürgerlich verachtete.
Kurzum, Ernst Jünger war, und auch das ist keine Neuigkeit, ein Faschist, und als solcher der bislang unwürdigste Empfänger des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt - was nicht heißen muß, daß er ein schlechter Schriftsteller ist. Denn darauf legt der Herausgeber Wert, Literatur und Leben sind zu trennen, politische Prosa und Dichtung um ihrer selbst willen zweierlei: "Letztlich war Ernst Jünger schon damals ein im Grunde unpolitischer Mensch ..." Das war er nicht – zumal diese Trennung ohnehin hinfällig wird, wenn von Kriegsliteratur die Rede ist. Ein Votum für oder gegen den Krieg ist immer politisch – und Jünger votierte vom Tag des Friedensschlusses an für einen Zweiten Weltkrieg, der die Opfer des ersten rechtfertigen sollte: "Wir müssen uns viel mehr bemühen, die literarische Tätigkeit als Kriegsmittel zu betrachten." Hunderte, Tausende Bücher wurden in der Weimarer Republik in diesem kriegshetzerischen Sinne geschrieben, um die "Schmach von Versailles" vergessen zu machen, Dutzende dieser Landserromane, hat Ernst Jünger selbst rezensiert und empfohlen, niemand wird sie mehr lesen wollen. Nur zwei Kriegsbücher sind uns heutigen Lesern noch im Gedächtnis: "Im Westen nichts Neues" und "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk".
Über Remarque hat sich Ernst Jünger nicht geäußert, die "Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" hingegen treiben ihm den Schaum vor den Mund. Er, der sich so gern als Humorist im tieferen Sinn verstand, verliert jeglichen Humor, wenn ihm von Schwejk der Widersinn alles Soldatischen vorexerziert wird. Und da er Hašek literarisch nichts entgegenzusetzen vermag, weil er sehr wohl spürt, daß dieser etwas im guten Sinne Volkstümliches, soll heißen Unsterbliches geschaffen hat, wird er persönlich: Jünger denunziert den Tschechen als "Lakaiennatur", warnt von den zersetzenden Energien dieser "bösartigen Intelligenz" und droht gar, in Herrenreitermanier, Hašeks Lesern die Züchtigung an: "daß dieser Hanswurst der Anarchie auch in Deutschland das Entzücken der Kenner hervorgerufen hat, ist das Symptom eines Zustandes, der einer anderen Behandlung bedarf als der literarischen." Schlechter Stil – im moralischen wie im literarischen Sinn. Jünger entgleist immer dann, wenn er sich von seinen Ressentiments leiten läßt. Er stimuliert seine "apokalyptische Schadenfreude" durch unentwegte Haßreflexe gegen alles Bürgerliche, gefällt sich in der Attitüde des einsamen geistigen Führers, dem allein es aufgegeben ist, der Nation den Weg zu weisen: "Ich weiß, daß vorläufig ich allein imstande bin, der Sache die richtige Wendung zu geben ...". Wider alle Offizierstugend zeigt sich Jünger in seinen politischen Schriften unangenehm eitel und geschwätzig; man wünschte sich hin und wieder ein lakonisches Fazit der soldatischen Existenz wie das des amerikanischen Kriegshelden und Schriftstellers James Salter: "alles ist Unfug, außer Ehre, Liebe, und das Wenige, was das Herz als Wahrheit erkennt."
Das Wenige, was das Herz als Wahrheit erkennt. Darauf ließe sich pochen, werden seine Lobredner soufflieren, daß Ernst Jüngers Unruhe des "abenteuerlichen Herzens" etwas ist, was uns noch immer angeht, auch wenn er sie politisch nicht korrekt zu formulieren wußte - "mißleitete Reinheit", wie es Klaus Mann formulierte. Sehnsucht nach einer Sinngebung des Lebens, die mehr ist als nur effiziente Freizeitgestaltung. Prekäre Begriffe, die da ins Spiel kommen, zumal hier in Deutschland, wo "Ehre", "Mut", "Selbstaufgabe" Vokabeln sind, die allenfalls noch im Sportjournalismus Verwendung finden dürfen.
"Gut so!", sagt die politische Vernunft des Demokraten, "denn in unserem Land steht doch auch so alles zum besten." Das tut es nicht. Der metaphysische Mangel ist allgegenwärtig, und diese drogen-, alkohol-, gewalt- und konsumbetäubte Angst vor der Sinnleere läßt sich nicht länger schönreden als Wahlfreiheit des mündigen Bürgers, der als solcher von der Wirtschaft und den Medien gar nicht mehr vorgesehen ist.
Indem sie die offene Gesellschaft zur beliebigen hat verkommen lassen, gibt die Demokratie derzeit ihren ärgsten Kritikern recht und aktualisiert Positionen, die längst überholt schienen. "Nun ja", wiegelt die Stimme der politischen Vernunft ab, "wir sind eine freiheitliche Gesellschaft und als solche bemüht, unser Selbstverständnis immer neu im Diskurs zu begründen: eine Republik ohne Sinnzentrum, ohne Mitte eben!" Ehrlicher gesprochen: Eine Republik ohne Herz. "Und?", wird entgegnet, "Damit läßt sich gut leben!" Damit läßt sich nicht leben, lehrt die Weimarer Republik. Keine Demokratie kann es sich leisten, auf Pathos zu verzichten.
Ernst Jünger, und insofern ist seine publizistische Gegnerschaft zur Demokratie noch immer beachtenswert, besaß advokatisches Geschick darin, sich zum Fürsprecher zu machen: zum Fürsprecher der Jugend, der "besseren" Jugend, die "der leeren Spiele des Geistes überdrüssig" war; zum Fürsprecher des Arbeiters, dem er eine weltgeschichtliche Mission jenseits gewerkschaftlicher Lohnmaximierung phantasierte; und, in letzter Perfidie, zum Anwalt der Kriegstoten. Insofern er es vermochte Pathosformeln zu prägen, die glauben lassen, er verstünde sich auf das Eigentliche, annektiert er den Enthusiasmus des utopischen Begehrens und überläßt die Mühsal des politischen Alltagdenkens dem demokratischen Gegner. An dieser nationalkonservativen Denkfigur hat sich bis hin zu den "Bocksgesängen" von Botho Strauß wenig geändert – aber sie wirkt noch immer. Während sich die Demokraten in immer neuen Akten der Ablehnung definieren: Nie wieder Faschismus, nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg, beharren die Antimodernisten auf den Standpunkt: Das ist zu wenig - und sie haben recht, auch wenn sie ansonsten nichts zu bieten haben.
Will man sich Ernst Jünger und seinesgleichen als Gegner ersparen, muß man auf die einfachen Fragen Antworten finden; Antworten, die das Herz als Wahrheit erkennt und nicht nur die politische Vernunft: Wozu jung sein? Wozu arbeiten? Wozu die Opfer der beiden großen Kriege? Für ein Europa des Euro?
Gregor Eisenhauer
Gekürzt erstabgedruckt in der Frankfurter Rundschau.
Gourmetgefasel
Ich hasse Restaurantkritiken. Zum einen, weil ich mir die Restaurants nicht leisten kann. Zum anderen, weil mich der Tonfall der Kritiker ankotzt. Feiner ausgedrückt: Das peristaltische Vermögen dieser Gourmetdarsteller steht in einem so disproportionalen Verhältnis zu ihrem rhetorischen Talent, daß meinerseits abrupt ein Würgereflex einsetzt. Zumal sie hier in Berlin meist zu zweit auftreten, was dann so witzige Dialoge gestattet wie: "Das schön flach geklopfte Wiener Schnitzel in goldgelber Panade wird von meinem Begleiter sehr gelobt. Und auch ich kann von meinem Gulasch nur Gutes berichten."
Na toll! Wer sich die Schuhe binden kann, ist noch lange kein Dandy und fischäugig vor einem Teller zu verharren ist beileibe kein Ausweis einer neuen urbanen Selbstbesinnung, sondern allenfalls Zeugnis einer gewissen evolutionären Halsstarrigkeit.
Aber was soll das Gezeter! Der kopulative Akt in dieser Stadt ist nun mal aus historischen Gründen unmittelbar an die Nahrungsaufnahme gekoppelt. Dem muß man sich stellen. Soll heißen: Ohne Restaurantbesuch läuft nichts. Wahrscheinlich weil die Stadt so lange ummauert war. Also setzten Mann und Frau sich irgendwohin, bevorzugt zum gleichfalls fernwehkranken Italiener, blieben dort sitzen, stundenlang, und unterhielten sich – Fenster zur Welt! - über Kulinarisches und Kino. Unglücklicherweise hat sich diese Sitte nach dem Mauerfall gehalten.
Nun ist so ein Restaurantbesuch an sich schon unglaublich langweilig, aber erst recht in Mitte, denn man wird eng plaziert und ist meist hilflos dem Geraune des Tischnachbarn ausgesetzt, der Seite um Seite die Weinkarte studiert, als stünde ein önologisches Examen an. Was seine Begleiterin durchgängig mit einem "Unglaublich-kultiviert-Lächeln" honoriert und meine blöderweise auch.
"Laß uns doch einfach zu mir gehen, Rotkäppchen trinken!", flüstere ich, ermutigt durch die Proseccopreise, denn noch ist Zeit, unendlich viel Zeit, weil der Kellner mit epischer Genugtuung die Menufolge der Nachbarn notiert.
"Ist doch sehr nett hier!", wehrt sie ab und lockt mit ihrem Lächeln dann irgendwann den Mann vom Service, der seinerseits sehr schnell die standesgemäße Distanz wiederherstellt, weil ich nicht gewillt bin, meine Italienischkenntnisse über den Umweg der Tageskarte aufzufrischen.
Ich persönlich nämlich halte Pizza für eine feine Sache, auch wenn der Kellner gar nicht glauben will, daß sie noch auf der Karte steht. "Si, si", murmelt er angewidert, und ich bin versucht ihn zu trösten, denn für mich geht das in Ordnung, sofern der Belag okay ist, und ich nicht bauernbemalte Teller jonglieren muß, um die Oliven vom Eßbaren zu trennen.
"Wir könnten uns ja auch einfach nett unterhalten!", gibt meine Begleiterin zu Bedenken, die sich Nudeln bestellt hat, und mein mürrisches Schweigen sehr wohl zu deuten weiß. "So, über was denn, übers Kinderkriegen vielleicht?", blaffe ich zurück, und gebe das Spiel im gleichen Moment verloren. Zumal mein Tischnachbar nach Ankunft seines Carpachios nunmehr die heiligende Haltung des Feinschmeckers einnimmt: gesamtgesteift wiegt der Oberkörper über dem Tisch, hin und her im Schaukelgang der gedämpft gewechselten Argumente, denn laut wird er selten, der jungdeutsche Wohlstandsgewinnler.
"Magnolia", flüstert er und seine Hand streift konspirativ die ihre. "Ein toller Film!", entgegnet sie. Klar doch, ein Film, in dem es Frösche regnet, witzig, witzig.
Das findet auch mein Tischnachbar, und seine Begleiterin erinnert mit einem feinen Lächeln daran, daß Tom Cruise schon in der Schnitzlerverfilmung so sensationell gespielt hat und er nickt. "Na Scheiße", murmle ich, "das ist doch gelogen. Tom Cruise ist und bleibt ein Bettnässer, egal wie breit sein Kondensstreifen auf der Leinwand auch immer sein mag."
Mein Begleiterin findet diese Bemerkung undelikat und knabbert am vorab gereichten Weißbrot, während ich ein zweites Viertel Hauswein herbeiwinke.
Die Nachbarn blicken einen Moment betroffen, wohl weil der Zwischengang zu früh eintrifft, oder der Essig im Abgang ein wenig säuert, was sie aber nicht hindert uns dankbar die Renaissance des Dokumentarfilms zur Kenntnis zu geben.
"Karasek sei mit euch", ist der stärkste Fluch, der mir in solchen Situationen zur Verfügung steht, aber solche Wünsche, das weiß ich aus Erfahrung, gehen nie in Erfüllung, also lauere ich statt dessen auf das Stichwortfolge Wenders-Kuba-Lebensfreude, um mein Moods-Zigarillo zu zücken und sie zum Passivrauchen zu zwingen.
"Früher dachte man bei Monte Christo an Dumas und nicht an überteuerte Tabakwaren!", belehre ich meine Begleiterin, die solches nicht zur Kenntnis zu nehmen gewillt ist, sondern es dem Aromaverkoster am Nebentisch gleichtun will mit ihrem gehauchten "Genial!"
Sie meint die Nudeln, die von der Gabel hängen, was mich endgültig aus der Fassung bringt, denn was kann man da schon groß falsch machen - jedes Knödelgericht ist dagegen schiere Metaphysik.
"Bitte! Genial ist was anderes! Buzz Lightyear in Toy Story II! ‚Bis zur Unendlichkeit. Und weiter.‘ Das ist genial! Oder der kakanische Pinkelbaron Ernst August, der ist genial. Weil er begriffen hat, daß der Vulgarität des allenthalben auftrumpfenden neuen Feinsinns nur durch einen vehementen Grobianismus zu begegnen ist. Oder eben durch Infantilität!
"Ja sicher! Das ist sehr klug von dir gesagt, aber deswegen mußt du doch nicht gleich so laut werden!", lächelt meine Begleiterin entschuldigend in die Runde, schließlich hat der Nachbar eine Dorade auf dem Teller und ich eine Pizza. Wem hat das Leben da wohl recht gegeben?
Gregor Eisenhauer
Die Grenzen der Aufklärung
Ob Sonnenschein, ob Sterngefunkel: / Im Tunnel bleibt es immer dunkel.
"Ist die künstlerische Lust, sich in äußerster Zucht, Prägnanz und Kürze auszudrücken, wirklich erloschen? Und das zu einer Zeit, da denen, die lesen, und denen, die schreiben, Zucht und Prägnanz nötiger wären denn je?" Diese Frage war schon 1950 eine rhetorische, als Erich Kästner mit ihr seine Epigrammsammlung "Kurz und bündig" einleitete. Heute würde niemand mehr wagen, sie zu stellen. Geschwätzigkeit ist längst eine marktwirtschaftliche Tugend geworden. Die Bücher werden immer dicker, die Talente immer zahlreicher, und jene Schriftsteller, bei denen das Sprachvermögen dem Ausdruckswillen nicht hoffnungslos unterlegen ist, zur Ausnahme.
Erich Kästner, der schon in der Weimarer Republik - vergebens - versucht hatte, die Deutschen zur Sachlichkeit zu erziehen, empfahl auch nach dem Krieg, als nach kurzer Schamfrist unerwartet früh die ersten Fälle dichterischer Diarrhö auftraten, die epigrammatische Selbstbescheidung. Gegen die feierlichen Andachtsübungen des poetischen Egoismus beharrte Erich Kästner auf einer keineswegs nur satirisch gemeinten Wirkungsabsicht: er wollte aufklären. Das schien nach Kriegsende um so nötiger, als die Wirrnis in den Köpfen kaum geringer war als die materielle Not. Scheinbar unverdrossen begann er das aussichtslose Unterfangen, seinen Lesern in lyrischer Portionierung das wiederzugeben, was sie 1933 so bereitwillig verloren hatten: ihren Verstand.
Denn das war ihm unzweifelhaft: nicht die alleinige, wohl aber die ausschlaggebende Ursache all des vergangenen Schreckens war die Selbstpreisgabe der Vernunft gewesen. Wieder einmal hatte sich ein Großteil des deutschen Volkes allzu bereitwillig dem Instinkttaumel überlassen, wieder einmal hatte sich die Mehrheit der vermeintlichen Intelligenz in eilfertiger Kumpanei am nationalistischen Fusel berauscht - und die wenigsten waren nach der Katastrophe willens zur freiwilligen Ausnüchterung. Der nationalsozia-listischen Phrasenherrschaft folgte die Phrasenherrschaft des kalten Krieges. Mit deutscher Beharrlichkeit weigerte man sich, zur Kenntnis zu nehmen, daß Gefühle nicht als Wegweiser taugen - weder die Angst noch die Hoffnung.
Stattdessen wurde - paradoxerweise - die Vernunft in Verruf gebracht: ihr glaubte man anlasten zu können, was willfährige Gedankenlosigkeit und mangelnde Zivilcourage verschuldet hatten. Und nicht wenige Autoren leisteten der Flucht ins Gefühl Vorschub: man verdrängte, man beschönigte, man dämonisierte und versifizierte - nur nachdenken, das wollten die wenigsten.
Dieser gewissenlosen Trägheit, die nur allzubald nach Kriegsende die erzwungene Betroffenheit eingeschläfert hatte, glaubte Erich Kästner durch jene satirischen Nadelstiche therapieren zu können, die Martial einst poetisch perfektioniert hatte, um die saturierten Gewohnheitsdenker der römischen Kaiserzeit in ihrer Behäbigkeit aufzuschrecken. Die geforderte Kürze des Epigramms zwingt zur Präzision, die erwartete Pointe zum Witz - Qualitäten, die von untalentierten Dichtern gern dem Pathos geopfert werden. Gegen deren gefühlsselige Verblendung betreibt der Epigrammatiker eine methodische Desillusionierung, er merzt alle raunenden Unsäglichkeiten aus, um Klarheit zu schaffen. Dem Leser soll ein Denkzettel verpaßt werden. Einer, der ihm einbleut, daß die einzig akzeptable Form, Poesie zu praktizieren, die zerebrale ist. Je irrationaler die Zeiten, desto vernünftiger muß die Kunst sein.
Aber - so souffliert es doch die pessimistische Pointe - sind nicht auch dem Verstand Grenzen gesetzt? Hat nicht alle Aufklärung nur das Gegenteil des Gewollten bewirkt? Ist nicht der Mensch, getrieben von der Hybris seines Erkenntniswillens, am Ende zum Unwesen verkommen, das Gott und die Welt mit in den Abgrund zu reißen droht?
Diese Lesart ist ungemein dialektisch, aber falsch. Es gibt keine Grenzen der Aufklärung, denn, so will es die ironische Logik des Bildes, ein Tunnel ist zum Durchfahren da - wer, außer den notorisch Erkenntnisscheuen, wollte darin lebenslänglich biwakieren? Es gibt keine Grenzen der Aufklärung, nur der Beschränktheit - hoffte Erich Kästner.
Gregor Eisenhauer
Vergreiste Akademie
Die Akademie der Künste, das wissen nicht viele, liegt am Tiergarten, zwei Stationen von der Friedrichstraße entfernt, im Hansaviertel, einem architektonischen Wagnis, von dem wenig geblieben ist im Gedächtnis der Berliner. Sie liegt da, ein flacher, sehr nützlich wirkender Bau, und lädt regelmäßig zu Veranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen, Gesprächen.
Sie lud am Mittwoch, dem 19. Juli, zu einer Soiree mit dem Künstler Hartwig Ebersbach und drei Gesprächspartnern, von denen nur zwei erschienen.
Hartwig Ebersbach hat Bilder gemalt, deren Titel, "Überfahrt des weißen Elefanten" etwas ahnen läßt von dem Wagnis seiner Existenz, das er mit 60 noch einmal eingehen wollte. Und von dem er mit bewegenden Worten den 30 Freunden und Zuhörern, die gekommen sind, Kenntnis gibt.
Doch zunächst erläutert sein Gesprächspartner die ersten Empfindungen, die sich einstellten, als er die Bilder betrachtete, sehr flächige Bilder, in denen viel Bewegung herrscht, ein kräftiges Ausschreiten und Durchmessen des Raums mit großer Geste, so daß seiner Ansicht nach zu vermuten steht, daß der Künstler gern spazieren geht, wenn er nicht gerade malt.
Und tatsächlich gesteht Ebersbach, das bei ihm alles im Fluß sei, stets und immer, und er das Heilige, oder das Mythische, besser gesagt, das andere in seinen Bilder empfinden, sehr wohl auch selbst nachempfinden könne.
Was wiederum dem dritten Teilnehmer Gelegenheit gibt, seinerseits einen Eindruck zu formulieren, den er – so gesteht er gelassen zu – sehr kurzfristig gewonnen hat, denn die Bilder waren skandalöserweise abgehängt, als er am Wochenende mit Freunden zu ihrer Betrachtung erschien.
Ein Mysterium auch das, und erst recht geht ein Raunen durch die Reihen, als sich ungerufen ein Verantwortlicher des Hauses erhebt und erklärt, daß dies einmalig gewesen sei in der Geschichte der Akademie, und er sich dafür hier und öffentlich entschuldigen mag, daß wieder einmal, wenn auch nur übers Wochenende, Bilder vor Barbaren gerettet werden mußten. Das Wort fällt nicht, aber er meint es, er meint die jugendlichen Besucher, die zu der Veranstaltungsreihe Z2000 – Positionen junger Kunst und Kultur erwartet wurden, und auf die man lieber verzichtet hätte, denn auf eine gewaltsame Verjüngung des Publikums ist man in der Akademie der Künste nicht eingerichtet, und schon gar nicht auf eine Kunst, deren Dilettantismus so ungeschönt die Wut auf die Vätergeneration spüren läßt.
Die Bilder der Z2000-Künstler hängen in Sichtweite, aber außerhalb, im Innenhof, dennoch wirken sie bedrohlich, so empfindet es der dritte Gesprächsteilnehmer, und er wünscht sich und Eberswalder vor ihnen geschützt zu sehen, sei es auch nur durch einen Vorhang. Und er fährt fort, in Erwartung des Vierten, der immer noch nicht erschienen ist, von seinen privaten Erinnerung an eine Japanreise zu erzählen, die er ebenfalls mit Freunden unternommen hat. Und dort in Japan, wo der Künstler ja vor dem Mauerfall selbst gewesen sein, gäbe es einen zuweilen beängstigenden, zuweilen aber auch bewundernswerten Sinn für Ordnung, der wohl auf die Vielzahl der Schriftzeichen zurückzuführen sei, und auf die Mühsal ihrer Erlernung, die Ehrfurcht lehrt, selbst in gottlosen Zeiten.
Und eben diese Magie der Schrift finde er auch in den Bildern von Eberswalder wieder.
Der nickt und erzählt von seinem Herzinfarkt, und dem Wagnis, das er noch einmal eingehen wollte, mit 60, und keiner im Raum, der ihm nicht glauben würde, so demütig bittet er um Verständnis für seine verspätete Exaltiertheit.
Dann ist Zeit für die Diskussion, eine Frage wird gestellt, von einem Freund des Künstlers, der den brennenden Dornbusch darin entdeckt, einen Spalierspaten, einen Eingeweidewurf, und natürlich viel Mut zum Neubeginn, so daß er selbst kaum ein Ende findet, was die Gesprächspartner auf dem Podium gleichermaßen amüsiert wie freundlich stimmt, denn angesichts dieser Verwirrung erhält ihre eigene Rede einen ganz neuen, begreiflichen Sinn.
Und so hebt Ebersbacher noch einmal an, und er weiß zu erzählen, von seinen Träumen, von Menschen, Tieren, "Deuvestalisches" von Göttern und verwirrend barbusigen Priesterinnen, und von drei lindgrünen Strickjacken, die ihm in einem Alptraum zugemutet wurden vom Schicksal. Der Alptraum ist in Erfüllung gegangen - für die Zuhörer.
Gregor Eisenhauer Erstveröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Vergreiste Republik
Frau Fischer meint, ich soll die Schwangerschaftsvertretung für sie machen und auch mal ne Kolumne in der TAZ schreiben, was ich ja gern tu für 100 Mark, weil es gibt fast nichts, was ein Schriftsteller nicht tut für 100 Mark, und das wär ja dann quasi Extrageld, da könnt ich auf mein erstes Döschen Viagra sparn, weil mit der Schwangerschaft von Frau Fischer hab ich ursächlich nichts zu tun. Leider. Das liegt an meiner Libidoabsenkung. So nenn ich das für mich persönlich, daß ich gar nicht mehr so oft will, wie ich könnte. Die Gründe sind viele, sag ich immer, und daß ich verheiratet bin, hat damit auch nichts zu tun. Es sind nämlich vor allem die Umweltgifte. Und natürlich die Tatsache, daß im Schwimmbad zu viele alte Menschen schwimmen. Grad die Omis treten einem immer zwischen die Beine, weil sie so gern im Rudel spasmatisches Rückenschwimmen üben, als ob damit ihr Übergewicht niederzukämpfen wäre. Dabei könnte jeder Beduine seine Wüste begrünen, mit dem, was die an Wasser verdrängen. Aber wo so ne Omi hintritt, wächst eh nichts mehr. Früher standen sie wenigstens nur im Nichtschwimmerbecken rum und hielten ihre Enkel über Wasser. Heutzutage kraulen die ihre 20 Bahnen, ohne den Herzschrittmacher wechseln zu müssen. Ich wär folglich dafür, die Schwimmbäder für alte Menschen zu sperren. Und das ist mein Ernst. Es gibt einfach zu viele. Schon daß die schönsten Wohnungen von mumifizierten Kapitalertragswitwen mit Schnauzer belegt sind, ärgert mich. Dann in den Schulen die alten Lehrer. In den Feuilletons die vergreisten Kritiker. Was ist das denn für n Land, wo Alzheimer die häufigste Todesursache ist? Und immer nehmen sie einen Jungen mit. Weil sie vergessen, den Blinker zu setzen, oder mal wieder ein Dreirad übersehen haben oder kleine Indianer für Truthähne halten. Egal wo ich hingehe, in welches Schwimmbad, und wann, es stehn immer schon Senioren rum, die vor mir ins Wasser wollen. Und jeder tut so, als hätte er selbst das Wirtschaftswunder finanziert und dürfte jetzt eine Bahn für sich allein haben. Und die nimmt er sich dann auch. Am liebsten würde ich ja gern mal einen dieser senilen Kampfschwimmer rausholen aus dem Wasser, und ihm ganz in Ruhe erklären, warum das so nicht geht. Aber wenn ich schon mal was sagen will, steh ich meist im tiefen Wasser, d.h. ich denk, ich steh, tatsächlich sauf ich ab. Und wenn ich wieder hoch komme, ist der weg, dem ich was sagen wollte. Und der, der es dann zu hören kriegt, kapiert es nicht. Nun hab ich für mich persönlich den Generationenvertrag deswegen schon längst gekündigt, eben weil mir die Omis dauernd in die Eier treten und die alten Herren in der Dusche immer den Rücken runterbürsten, den ganzen Dreck immer den Rücken runter, und zwar ohne Badehose, weil sie glauben, das wär hygienischer, mir direkt vor die Füße. Früher war es so, daß die überzähligen Jungen im Krieg starben und die Alten frühzeitig im Bett. Heute haben die dank ihrer Kohle jede Menge Spaß auf der Matratze und unsereiner steht im Stau. Denn da hängen sie ja auch überall rum, auf der Autobahn, und fahrn längst nicht mehr nur nach Südtirol, weil das wär ja ne Strecke, die man sperren könnte. Und wenn sie nicht im Auto unterwegs sind, sitzen sie im Flugzeug nach Teneriffa. Warum stattdessen nicht mal altersgerechten Abenteuerurlaub in Afrika? Minenräumen mit dem Spazierstock oder so.