Goldene Zeiten für alle Verschwörungstheoretiker. Noch nie waren sie so nah an der Wahrheit.
Erstaunlich, wie ergriffen Peter Handke mit siebzig Jahren immer noch von sich selbst sein kann.
Einer, der gern seinen Fürzen unter der Bettdecke nachschnüffelt.
Die Briten empören sich über den verstorbenen BBC-Star Jimmy Savile, der die Gemeinheit schon im Namen trug, vile, dessen Physiognomie Bände sprach, und der dennoch über Jahrzehnte hinweg unter dem wenig wachsamen Blick der Öffentlichkeit Kinder mißbrauchen konnte. Keiner will es gewußt haben. Bis es alle wissen. Dann will es jeder schon immer gewußt haben. Demnächst feiert England den 150. Geburtstag von Alice's Adventures in Wonderland. Die Briten huldigen seit über einem Jahrhundert einem pädophilen Autor, der zur Freude aller ein minderjähriges Mädchen auf eine Schreckensreise ins Wunderland männlicher Wahnvorstellungen schickte. Schadenfreude ist der Lohn der Mitwisser fürs Stillhalten. Und Wunscherfüllung seit altersher die Visitenkarte des Teufels. Wie wird er sich ins Fäustchen gelacht haben über den Titel von Saviles Sendung: Jim'll Fix It.
Die einzige Kunstform, die noch einigermaßen ernsthaft betrieben wird, ist die Kunst der Selbstdarstellung. Eine Rentabilitätsfrage. Künstlerimitatoren wie Warhol, Beuys, Hirst, Schlingensief, Meese ... sind Geschöpfe eines Marktes, der sich seine Handlanger längst selbst zu züchten weiß.
Kolonialismus von seiner schönsten Seite: Ein Operndorf für Burkina Faso.
Die größte Kränkung der Narzissten derzeit? Ihre Vielzahl.
Arnold Schwarzenegger stellt auf der Frankfurter Buchmesse unter großem Andrang seine Autobiographie "Total Recall" vor. Allgemeine Begeisterung, bis ihn ein Reporter nach Tookie Williams fragt, dem Mann, dessen Begnadigung der Governator 2005 abgelehnt hatte, obwohl das Todesurteil fragwürdig war. Er habe in "Total Recall" viele Namen gelesen, aber nicht den von Tookie Williams. Sei er vielleicht nicht wichtig genug gewesen? "Ja, so war es wohl", antwortet Schwarzenegger nach kurzem Zögern.
Je demütigender die Macht der Fakten, desto irrlichternder das Denken der Philosophen.
Der Adorno-Preis 2012 wurde an die Mode-Philosophin Judith Butler verliehen. Was aber skandalisieren die Demonstranten vor der Frankfurter Paulskirche? Ihre politische Einstellung.
Sperlings-Männchen zwitschern lauter, wenn sie von ihren Partnerinnen betrogen werden, meldet die Wissen-Seite der Tageszeitung. Nicht anders in der Philosophie. Je stärker sie sich vom Leben hintergangen glauben, desto aufgeregter palavern sie.
Eines der Bücher, die nur durch ihre Ehrlichkeit berühren: Lisa Matthias. Ich war Tucholskys Lottchen. Schon der Titel ist Tragödie: Das Ich, das keins war.
Das Interesse am Handwerklichen erwacht bei vielen Autoren erst, wenn es zu spät ist. Dann haben sie schon alles erzählt.
Eine ausgeschilderte Sackgasse zu erkunden, zeugt nicht gerade von Wagemut. Insofern erübrigt sich das Gespräch mit den katholischen Denkern der Gegenwart.
Es gibt keine Öffentlichkeit mehr, es gibt nur noch: Die Meute. Und den festen Fütterungszeiten gehorchend wird ihr regelmässig einer zum Fraß vorgeworfen. Das narzisstische Ego drängelt sich da gern vor. Es empfindet wohlig den dionysischen Schauer von der Menge zerfetzt zu werden. Ecce homo. Einer für alle ...
Chronischer Exhibitionismus und sadistischer Strafimpuls bedingen einander mittlerweile.
Hermann Hesse war ein Meister in diesem Wechselspiel von strafverlangender Entblößung und auftrumpfender Orpheus-Pose, das unweigerlich im Kitsch endet.
Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt.
Das letzte Aufgebot. Hesses fünfzigster Todestag naht. Schon Monate vorher setzen die ersten Wiederbelebungsversuche ein ... und lassen ahnen, wie vergeblich alle Anstrengungen sein werden ... "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"
"Denn Hesse sollte man nicht leichthin als Pubertätsdichter abtun. Schon deshalb nicht, weil ihm zu Lebzeiten hohe und höchste Ehren zuteilgeworden sind." Tilman Krause
Als Kronzeugen führt Krause den ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuß an: "Hermann Hesse schreibt, so will mir scheinen, unter den Heutigen das schönste Deutsch."
Wie Folklore unser Denken vernebelt? Beispiel Indien: Ein Land, in dem seit Jahrhunderten Apartheid herrscht. Hat sich hierzulande, hat sich weltweit je polititscher Protest gegen das Kastenwesen gerührt?
Menschenrechte: In China mag es einige tausend politische Gefangene geben. In Indien sterben jedes Jahr anderthalb Millionen Kinder an Hunger. Wie viele Opfer kann sich eine Demokratie guten Gewissens leisten?
Berlinale: Nina Hoss ist das perfekte Gesicht der Neuen Deutschen Langeweile. Schön, aber nicht verstörend. Intelligent, aber nicht aufsässig.
Karrierewünsche: "Ich wäre Gärtner geworden, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte." Robert Spaemann, Theologe. Dem Verlagsprospekt Klett-Cottas zufolge der "bedeutendste konservative Philosoph im In- und Ausland."
Das eigene Glück ist ihm selbstverständlich. Das Unglück der anderen ein Mysterium. Deswegen taugt er nicht als Philosoph.
Eine angesehene deutsche Wochenzeitung kürt "Genies des Alltags", namentlich: Miuccia Prada, Taschenherstellerin; Howard Schulz, Kaffeebrauer; Mark Zuckerberg, digitaler Klatschkladdenlieferant; Steve Jobs, Vertreter; Joanne K. Rowling, Kinderbuchautorin; die Gebrüder Albrecht, Discounter; Jamie Oliver, Koch; Carl Djerassi, Erfinder der Pille; Ingvar Kamprad, Discounter. Das also ist unser Alltag: Shoppen, Ficken, Kaffeetrinken, Handyspielen, Tratschen, Kinderbücher lesen, billig Shoppen, Essen, Shoppen.
Meldung des Windows Wartungscenters: "Nach Lösungen für Probleme suchen, die noch nicht gefunden wurden."
Wie kleinkrämerisch muss eine Welt beschaffen sein, dass sie einen - überaus erfolgreichen - Vermarkter von Mobiltelefonen und Jukeböxchen zum Visionär verklärt?!
Steve Jobs Leistung: Die Form folgt nicht länger der Funktion, sondern wird zum Fetisch an sich. Der Erfolg gibt ihm selbstredend recht, und die Kindlichkeit der Konsumenten ist ein Ärgernis nur für die Konkurrenz.
"You can either manufacture in comfortable, worker-friendly factories, or you can reinvent the product every year, and make it better and faster and cheaper, which requires factories that seem harsh by American standards," said a current Apple executive. "And right now, customers care more about a new iPhone than working conditions in China." The New York Times, February 6, 2012
Ein Papst in roten Schuhen. Mit einer Physiognomie wie vom Teufel modelliert. Um so lieber knien sie nieder.
"Nicht alle haben aus der Geschichte gelernt: Die Neonazis wandern wieder."
Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung, 8. September 2011, Reiseteil
Mir graut schon vor dem, was in den nächsten Tagen zu 9/11 alles in den Zeitungen stehen wird.
Wie viel Zeit muss nach einem historischen Ereignis eigentlich vergehen, bis darüber in aller Öffentlichkeit barrierefrei nachgedacht werden kann? Jahrtausende vermutlich. Selbst über den Sündenfall ist man ja wieder uneins.
Die Tatsache, dass die Angriffskriege George W. Bushs weitaus mehr unschuldige Opfer gekostet haben als alle islamistischen Terrorattacken ist jedenfalls keine verhandlungsfähige Meinungsäußerung, sondern: Eine Tatsache.
Das ganze Ausmaß seiner Bigotterie lässt sich folglich recht exakt bemessen - in Opferzahlen.
Wie viele Philosophen braucht es, um einen Gott zur Strecke zu bringen?
Es gibt nur einen Schriftsteller mit Namen Roth: Joseph Roth.
Steve Jobs? Das ist der Mann, der all das erfand, was nie wirklich gebraucht wurde.
Der politische Protest äußert sich ähnlich unbeholfen, ähnlich feige wie der intellektuelle: Vandalismus, Plünderung, Brandstiftung.
"Empört Euch": Was für eine fade Floskel. Sie lässt den Gegner völlig außer acht.
Transsubstantiation: Die Satire ist tot, weil leibhaftig geworden.
Todesanzeige im Tagesspiegel, 26. 3. 2011:
Wir beklagen den Tod des Eisbären
Knut
5. 12. 2006 19. 3. 2011
Wir haben dich so geliebt, Knut. Du hattest das Leben eines Polarprinzen verdient. Stattdessen wurdest du mit der billigsten Lösung abgespeist. Du solltest plötzlich "ein ganz normales Zootier" sein. Im letzten halben Jahr hast du viel weniger als früher ausgelassen gespielt. Denn zu häufig fühltest du dich bedrängt und hast dich angespannt in die abgelegene Ecke zurückgezogen. Und man hat dir kaum Spielsachen gelassen. Wir klagen die Zooleitung an, dich nur verwahrt zu haben. Wir haben es nicht geschafft, deinen Alltag zu verbessern. Wir sind gegen eine Mauer von Beton gerannt. Sie haben dir bitter Unrecht getan, Knut. Wir haben dich nicht beschützen können. Wir sind ohne Trost.
Wie schlecht auch ein Mann über die Frauen denken mag, es gibt keine Frau, die darin nicht noch weiter ginge als er. Nicolas Chamfort
Alice Schwarzer leidet unter einer sehr männlichen Wahnvorstellung. Sie hält sich für unersetzlich.
"The tree of life". Jedes Wort, jedes Bild in diesem Film ist verlogen. Die Syntax ist die der Werbeindustrie. Dennoch lobt ihn die Kritik hymnisch. Es ist ihre Art.
Barack Obama ließ Osama bin Laden liquidieren. Deckname der Operation "Geronimo". Eine etwas unglückliche Namenswahl. Geronimo, alias Gokhlayeh, war ein Held im Kampf der Indianer gegen die mexikanischen und amerikanischen Eindringlinge. 1886 stellte er sich freiwillig, nachdem er jahrelang von einer erdrückenden Übermacht verfolgt worden war. Zitat Wikipedia: „Ich möchte nun zu gerne wissen, wer es war, der den Befehl gab, mich festzunehmen und zu hängen. Ich lebte friedlich dort mit meiner Familie im Schatten der Bäume und tat genau das, was General Crook mir geraten hatte zu tun. Ich habe oft um Frieden gebeten, aber Ärger kam immer von den Agenten und Dolmetschern. Ich habe nie Unrecht ohne Grund getan, und wenn ihr von Unrecht redet, oder auch nur an Unrecht denkt, so tätet ihr besser daran, an das Unrecht zu denken, das ihr dem Roten Manne zugefügt habt, und das tief und weit wie ein Ozean ist, durch den niemand mehr waten kann, ohne darin zu ertrinken. Mein Unrecht dagegen ist wie ein kleiner ausgetrockneter Bachlauf, den habgierige Weiße mit den Tränen meines Volkes gefüllt haben. Ich habe dieselben Weißen diese Tränen austrinken lassen, bis auf den letzten Tropfen, so dass ich wieder auf den Bach gehen kann, ohne meine Mokassins mit Unrecht zu nässen. Sagt mir, was daran Unrechtes ist! Ihr sagt selbst, dass ein Mensch, der einen anderen tötet, getötet werden muss. Seht, wie zahlreich der Rote Mann war, bevor ihr kamt, und seht, wieviele Rote Menschen ihr getötet habt. So dürft ihr nach eurem eigenen Gesetz heute nicht hier stehen, sondern müsstet alle tot sein, wenn Euer Gesetz wahrhaftig wäre!“
– Gokhlayeh am 25. März 1886 bei San Bernardino Springs zu General George Crook
PS "Die Skull and Bones Society, darunter Prescott Bush, Großvater von George W. Bush, sollen verschiedenen Quellen zufolge 1918 das Grab Gokhlayehs ausgeraubt und seine Knochen in ihr Kultmuseum gebracht haben."
Die Katastrophe ist da - und bietet doch wieder nur Gesprächsstoff.
Die Hybris der Wenigen wird an den schuldlosen Vielen geahndet. Das war in der griechischen Kosmologie anders gedacht. Dass es zur völligen Amnestie der Täter kam, haben wir dem Christentum zu danken. Da sind die Akteure nur dem einen Gott verpflichtet, und der hält sich bedeckt. Folglich kann ihn jeder für sich in Anspruch nehmen.
Die plausibelste Theologie: Gott starb kurz vor Vollendung der Schöpfung. Deswegen seine Rachsucht.
Die strukturelle Misere der Schöpfung, das Fressen und Gefressenwerden, läßt sich nicht durch eine Änderung der Menüfolge korrigieren.
Analog: Der Kapitalismus ist nicht durch Kaufverzicht therapierbar.
Jetzt, da es an der Zeit wäre, dass die amerikanischen Schriftsteller für die Schleifung der Wall Street plädieren, nebst Überführung des höherrangigen Personals nach Guantanamo Bay - predigen sie den Verzicht auf Fleisch.
Der Zusammenhang zwischen Vampirismus und Vegetarismus? Intellektuelle Anämie. Was keiner Aufforderung zum Kannibalismus gleichkommt. Es gibt viele Gründe, kein Fleisch zu essen. Es gibt keinen Grund, mit diesem Verzicht zu prahlen. Enthaltsamkeit, öffentlich gemacht, ist immer verlogen.
Es finden sich derzeit leicht einige zehntausend Protestler, die für bessere Lebensbedingungen von Hühnern, Schweinen und Rindern auf die Straße gehen. Es finden sich keine hundert Demonstranten, die für anständige Arbeitslöhne jener Lohnsklaven demonstrieren, die für die H&M-Generation die Textilien nähen.
Vegetarismus hat Konjunktur. „The Noble Experiment“, besser zu übersetzen mit: „Prohibition“. Der ultimative Ego-Trip derer, die auf alles verzichten wollen, weil sie selbst keine Wünsche mehr haben und anderen keine gönnen. Ihr Soylent Green: Tofu. Und auch darüber wird Buch geführt. Der Speisezettel als revolutionäre Kampfschrift. Klägliche Gesten der im System Gefangenen. Das einzige, was sie sich noch erwarten, ist: Bessere Kost.
Die Folgen der „Political correctness“? Der „nigger“ in Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuern wird weiß getüncht – und als mutmaßlicher Wegbereiter Barack Obamas gelyncht.
„Woher wissen Sie eigentlich, dass Wörter irgendwas bedeuten“, fragte Jared Loughner die Abgeordnete Gabrielle Giffords bei ihrer ersten Begegnung im Jahr 2007. Bei der zweiten Begegnung schoss er ihr von hinten in den Kopf.
Reziproker Rassismus: Es ist erstaunlich, wie flinkzüngig die intellektuelle Schickeria hierzulande den Begriff „White trash“ verwendet. Da wird durch den massiven Einsatz der Analphabetisierungsmaschinerie „Film-Funk-Fernsehen“ ein Drittel der Bevölkerung willentlich dem Stumpfsinn überlassen, aber die Folgeerscheinungen erklärt man als einen Akt autogener Selbstverstümmelung. An die Eigenverantwortung, so lehren es schon die Zynismen der Tabak- und Pharmaindustrie, wird immer nur dann appelliert, wenn es gilt, die Opfer als die eigentlich Schuldigen auszugeben.
„Eigenzüchtungen“:
Eugenik ist hierzulande natürlich kein Thema. Ausnahme: Die Nachwuchsförderung im Sport. Würde die Industrie, würden die Universitäten mit der gleichen Vehemenz Talente von Kindesbeinen an ausspähen wie der Deutsche Fußballbund - der Aufschrei wäre groß. Selektionsdruck wird aber nur dort wahrgenommen, wo er nicht gebührend honoriert wird. Oder höheren Interessen als denen des breiten Publikums dient. Erst dann wird er verdächtig, weil vermeintlich elitär.
Eine weitere Lieblingsvokabel der Sportjournalisten: „Spielermaterial“.
Die Vermutung vieler war: Der Verlust der Utopien würde die Gegenwart in einem besseren Licht erscheinen lassen. Das Gegenteil ist der Fall – aus Visionären wurden Buchhalter des Hier und Jetzt.
Protestkultur: Die Leute klammern sich wie Irre an Bäume. Vermutlich aus Angst längst den Boden unter den Füßen verloren zu haben.
Nicht auszudenken, welchen Bürgerprotest ein Bauvorhaben wie Schloß Neuschwanstein heutigentags auslösen würde.
Der erzählerische Aufwand derzeit, allerorten und in allen Genres, steht in einem bizzaren Mißverhältnis zum poetischen Ertrag.
Was die biblische Schöpfungsgeschichte lehrt? Gute Epiker fassen sich kurz.
Es gab Nazis im Auswärtigen Amt. Was für eine Überraschung! Was an diesen vermeintlichen Eliten verstört ist weniger ihre Rückgratlosigkeit nach dem Krieg als vielmehr ihr Mangel an Patriotismus in der Stunde der Machtergreifung.
"Ich verabscheue Hitler, gerade weil er meinen Glauben an das deutsche Volk nicht teilt; weil er beschlossen hat, daß Barbarei die einzig mögliche Pädagogik ist, um 1918 rückgängig zu machen, und Konzentrationslager der beste Ansporn dazu. Jorge Luis Borges, 1939
Dekadente Zeiten? Globalisierung der Konflikte. Provinzialisierung der Proteste.
Dekadente Zeiten? Wenn Friseure und Köche plötzlich das Sagen haben.
Das Ende des Dialogs: In seine eigene Meinung verliebt zu sein und nicht in die des Gegenübers.
Arthur Schopenhauers 150. Todestag. In der Süddeutschen Zeitung erinnert Angela Steidele an den Philosophen. Sie stellt fest: Er war nicht nett zu seiner Mutter, er war nicht nett zu seiner Schwester, er war überhaupt nicht nett zu Frauen im allgemeinen. Sie bilanziert: "Schopenhauers Haltung zu Frauen diskreditiert sein gesamtes Werk." Denn: "Mit Arthur Schopenhauer begann eine neue, brachiale Misogynie, die argumentativ hilflos, wissenschaftlich absurd und brutal in der Konsequenz die Frauenemanzipation zu verhindern suchte. Menschen, die von einer Welt ohne sexuelle Gewalt und Unterdrückung träumen, haben allen Grund, am 21. September, dem 150. Todestag des Philosophen, Schopenhauers zu gedenken."
"Irgendwann in der Schweiz begann ich Schopenhauer zu lesen. Müßte ich heute einen einzigen Philosophen wählen, ich würde ihn wählen. Wenn das Rätsel des Universums in Worten zu fassen ist, wären diese, glaube ich, in seinen Schriften zu finden." Jorge Luis Borges, Autobiographischer Essay, 1970
Die Freude Jorge Luis Borges wieder zu lesen. Woher sie rührt? Ein blinder Mann ist nicht eitel. Und schon gar nicht voreingenommen.
Sagt die Physiognomie eines Autors etwas über sein Schreiben aus? Ein Blick auf Jonathan Franzen läßt den Verdacht als gar nicht so abwegig erscheinen. Bebrillte Pausbäckigkeit.
PS Nein, ich habe nichts von ihm gelesen. Warum sollte ich?
Fritz J. Raddatz war ein begnadeter Feuilletonist. Aber was für eine Heulsuse in seinen Tagebüchern ... Die Eitelkeit dieser alten Männer ist noch erbärmlicher als die Unbedarftheit ihrer Nachfolger.
Das Todesurteil über den Schriftsteller Ernst Jünger wurde bereits 1937 gefällt, von Jorge Luis Borges: "Sehr bedauerlich, daß dieser Militär beim Schreiben auf jede militärische Knappheit verzichtet. Statt der Lakonie, die seine Doktrin und sein Thema verlangen, gefällt er sich in der eitlen Anhäufung sinnloser Metaphern ..."
Biographische Frage am Rande: Warum ließen die Götter Ernst Jünger so lange leben? Des unsterblichen Gelächters wegen, als der todgeweihte Kriegergreis sich in den Schoß der katholischen Kirche flüchtete. Warum ließ der liebe Gott ihn so lange leben. Dito.
"Ich kann mir die Popularität Gottes nur mit der Panik von Atheisten erklären." Vladimir Nabokov
Neuerscheinung: "Der ewige Zweite. Eine kleine Typologie des Lesers".
Leseprobe:
II. Der Tag für Tag Leser
Männlich wie weiblich
Der Misanthrop unter den Lesern, denn er macht dem Autor insgeheim zum Vorwurf, dass er sich für ihn aufopfere – ohne je rechten Lohn dafür zu erhalten. Art und Ausprägung des Vorwurfs reichen von anhänglicher Liebe bis hin zu abgrundtiefer Verachtung, oft in unheilvoller Mischung.
Die Lebensläufe aller Tag-für-Tag-Leser konvergieren in einem Punkt, jener einsamen Stunde, als sie sich selbst der Kunst für unwürdig befanden und schworen, fortan der Sache an sich, soll heißen der Literatur zu dienen. Leider halten die wenigsten diesen Schwur. Das Gelübde gilt in der Regel solange, bis der Tag-für-Tag-Leser eine berufliche Position erreicht hat, in der sich Bescheidenheit nicht mehr rechnet. Und so mutieren die meisten Tag-für-Tag-Leser irgendwann unweigerlich zu Autoren, nicht zuletzt, weil sie es insgeheim ohnehin schon immer wussten: dass sie es eigentlich viel, viel besser können.
Die Unterarten:
Der Eunuch, auch gemeiner, zuweilen hundsgemeiner Rezensent genannt. Jene, seit jeher von allen Autoren verachtete Erscheinung des Kritikers, der zum Feind des Buches wird - aus welchem Gründen auch immer, meist ist es schlicht Neid auf das Talent des Autors.
Denn kaum ist ein Buch erschienen, wird es unweigerlich zum Objekt der Missgunst jener, die nicht zeugungsfähig sind. Die Verschämten unter den Eunuchen erwehren sich der Einsicht in die Mängel ihrer Existenz durch hymnisches Einstimmen, sie liebdienern sich dem Autor an, so als könnten sie Arm in Arm mit ihm den Olymp ersteigen. Das mag der Autor nicht, denn er ist von Hause aus einsam und kennt keine Freunde. Der Autor wartet. Er wartet auf die gehässigen Kritiker. Ohne sie wäre er sich seiner Unzeitgemäßheit nicht mehr sicher, denn nichts ist schlimmer als das Lob derer, die für den Tag schreiben.
Wenn keine gehässigen Kritiken erscheinen, ist der Grund meist der, dass eine Verschwörung gegen den Autor vorliegt. Denkt der unerfahrene Autor. Tatsächlich aber, dass weiß der gereifte Schriftsteller sehr wohl, gehört es zum Prinzip der krittelnden Gehässigkeit, ihn hinzuhalten. Ihn warten zu lassen. Ihn spüren zu machen, dass es auf ihn gar nicht ankommt.
Während der Autor auf die schlechte Kritik wartet, übergeht er die guten Kritiken achtlos, denn er kennt seine Vorzüge ja selbst am besten, stattdessen befindet er sich in einem inneren Dialog mit seinem Gegner.
Er ist ja nicht unkritisch als Autor, jeder Künstler hat Schwächen, und er ist neugierig zu erfahren, wer sie erkennt und namhaft macht. Und warum. Die Gründe sind häufig privater Art. Es ist wie im wirklichen Leben: Nicht selten kennen sich Opfer und Täter persönlich.
Die einfache Begründung, dass ein Kritiker ein Buch schlecht findet, weil es schlecht ist, und dass das auch sein gutes Recht ist, ob er es jetzt zureichend begründen kann oder nicht, ist für sein Gegenüber, den Autor, eine Unzumutbarkeit. Zumindest für jene, die sich ihrer selbst nicht sicher sind. Denn der Autor will nun mal von allen geliebt werden, ausnahmslos. Warum? Weil er sich selbst nicht wirklich liebt für das, was er tut – denn Schreiben heißt eingestehen, dass man fürs Leben nicht taugt.
Im Grunde ist der Eunuch also ein rein funktionales Phänomen, weil letztlich nur ein Repräsentant des auktorialen Selbsthasses und daher lebend so gut wie nie anzutreffen.
Der Ästhet
Dünkt sich dem gewöhnlichen TagfürTag-Leser weit überlegen und destilliert aus diesem Dünkel ein schreckliches Gift. Wenige Tropfen genügen, um den Leser eine inkurable Schlafkrankheit zu injizieren.
Der Ästhet schreibt meist für die Wochenendbeilagen, weil er viel zu sagen hat, Gewichtiges, und sich dafür Zeit lässt, wissend, dass er die Geduld des Lesers strapazieren muss, weil es, so sein katholisches Vorwissen, nur unter der Folter zu passablen Geständnissen kommt, in diesem Fall zu dem gewollten Aufschrei: Ecce homo - ist der gebildet!
Der Ästhet schämt sich seines Katholizismus meist nicht, zum einen, weil er gute Kirchenmusiker auf seiner Seite weiß, und zur Musik, gerade zur Wagnerischen, sinngeladenen, zog es ihn immer schon; nein – er weiß, dass sich das Geschlechtliche am ehesten noch unter der Soutane verbergen lässt, und das Geschlechtliche, der Zeugungsakt, der genuine Einfall ist ihm nun mal – da weiß er sich dem Eunuchen innerlichst verbunden – zutiefst verhasst.
Der Ästhet ist Deuter, an ihm ist alles Monstranz. Deuter leitet er etymologisch ab von Dichter, von jenen Dichtern insbesondere, die sich selbst nicht verstehen, und daher hermeneutische Hilfe benötigen. Hölderlin, Rilke, George – und für die Bettlägrigen Proust.
Der Ästhet erzählt gern Anekdoten über diese Autoren, weil er so kundtut, wie privat sein Umgang mit ihnen ist. Er bringt ihnen Vorworte oder Nachworte dar, um sich als unentbehrlicher Appendix in Erinnerung zu bringen – und seine lukrativen Freundschaften mit Verlegern lebendig zu halten.
Der Ästhet ist ohnehin gut Freund mit allen, die etwas zu sagen haben, oder sagen lassen – gegen ein angemessenes Honorar. Er ist beliebt als Festredner, dank des festlichen Gehabes seiner Prosa, als Mitglied der Akademien, dank seines gepflegten Äußeren, und als Juror, der anderen Juroren zuweilen gefällig sein kann.
Und da sein Lebensstil nun einmal dem eines Ästheten angemessen ist, reicht selbstredend ein Angestelltengehalt – und ein Redakteur ist nun einmal ein Angestellter -, reicht ein Angestelltengehalt nicht hin, was den Ästheten zu unzähligen weiteren Nebentätigkeiten zwingt, den Verkauf von eigens zu diesem Zweck angeforderten Rezensionsexemplaren seitens Dritter nicht ausgenommen.
Tadellos hingegen ist seine Lebensführung, was die Disziplinierung seiner Lektüreneigungen anbelangt, da ist er seinem Thomas Mann verpflichtet, mit wahrem Vergnügen wird nur gelesen, was dem Taumel des Zeitlichen entrann - oder selbst geschrieben wurde. Keine Kopulation mit dem Zeitgeist!
Dieser Triebverzicht lässt den Ästheten als großen Freund alles Gewesenen und großen Verächter alles Gegenwärtigen erscheinen. Immer wieder lässt er in Rede und Schrift eine unglaubliche Gelehrsamkeit aufblitzen, ohne dass sich dem Betrachter gänzlich erschlösse, wozu eigentlich, denn alles Politische abseits vatikanischer Händel und florentinischer Wirren ist ihm zuwider, eine Sozialbindung der Literatur mag er nicht anerkennen, und so bleibt nur das Gespräch der „happy few“ über die Zeiten hinweg. Und natürlich der Applaus des Publikums.
Dem er immer wieder etwas zu bieten weiß, denn es ist ja seine Natur, sich abgelegenen Sujets zu widmen, die ihn nicht wirklich interessieren, er adelt sie vielmehr mit seinem Interesse. Und so kann er in schön gemessenen Abständen mit wahren Schätzen aufwarten, Raritäten der Lektüre, vergessene Verse, verschollene Autoren, letzte Lieder - die allesamt mit ihm wieder in Vergessenheit geraten. Da er das weiß, kultiviert er eine Melancholie, zu definieren als mentale Blässe, die sehr anziehend auf Praktikanten wirkt.
Er hat demnach, ohne sich damit schwer zu tun, wahlweise wechselnde Geliebte im Novizen- oder Novizinnenalter, platonisch meist, die er sacht an das schwierige Geschäft des Schreibens für die Ewigkeit heranführt, unter besonderer Rücksichtnahme auf die weiblichen Abonnenten. Obwohl meist cum laude promoviert, ist er sich in diesem Fall für nichts zu schade. Das schließt ein, gelegentlich einen Reisebericht zu schreiben oder im munteren Plauderton einen kulinarischen Report über sein Stammlokal zu verfassen, was mit Korruption nun aber auch gar nichts zu tun hat. In diesen Dingen ist er rigoros liberal – was ihn wiederum in allen Redaktionen schnell heimisch sein lässt, da er letztlich ohne Standpunkt ist – Honorarfragen ausgenommen.
Heimliches Fernziel dieses journalistischen circulus vitiosus ist es, den Alpen möglichst nah zu kommen, denn dorthin, nach Rom zeigt im Alter zunehmend zitternder seine kleine feine Kompassnadel, auch „Edelfeder“ genannt.
Im Alter betont der Ästhet denn auch mehr das Seigneurale; er lässt sich zu einem letzten Buch nötigen, meist mit dem Untertitel „Die deutsche Literatur und ich“. Oder er übt sich wahlweise an einer Biographie, denn es interessiert doch immer, wie einer wurde, was er ist, und mehr noch, wie einer nicht wurde, was er ist, besser gesagt, nie bekannt wurde, wer er wirklich ist. Sein einst serviler Handschlag wird nun ein jovialer, das Feingeistige findet sich mehr und mehr im präferrierten Getränk und der altersmilden Wertschätzung des Spätwerks von Goethe.
Das Glück des Ästheten: das ihm die finale Verkümmerung seiner Geisteskräfte als solche gar nicht auffällt, er sie vielmehr Ausweis und Ausklang eines beruhigt beseeligten Schaffens schätzt.
Der Moralist
Im Zeitalter der neuen Prüderie, ist es plötzlich wieder en vogue Bücher moralisch zu werten, was zur absurden Folge hat, dass sich Kritiker genötigt sehen, die Romanfiguren vor dem Autor in Schutz zu nehmen. Die Stunde des Moralisten hat geschlagen. Nur er vermag es, den einfachen fiktionalen Dreisatz: Eine Romanfigur ist eine Romanfigur ist eine Romanfigur in Frage zu stellen. Qua seiner Lebenserfahrung nämlich, denn er ist schon vielen Figuren tatsächlich begegnet, oder fast tatsächlich: „Gestatten gnädige Frau, sie wirken auf mich wie einem Roman Tolstois entsprungen.“
Wiewohl ein großer Charmeur und Liebdiener ist er meist klein und dicklich von Statur, denn gerade mit solcher Figur erfährt man früh am eigenen Leib, wie nötig Moral der Menschheit tut. Zuweilen speichelt er ein wenig beim Ereifern in den Talkshows, wenn es darum geht, um die Moral nämlich, denn die Körpersäfte rumoren gewaltig in ihm, und dann fordert es all seine Mannesstärke sein erhitztes Gemüt mit Champagner zu kühlen - Sekt gönnt er den anderen.
Der Moralist geizt gern, in allem, was daran liegt, dass die Zahl der gewissen Wahrheiten gering ist, und folglich ein sorgsamer Umgang mit ihnen angemahnt werden muß. Säkularer Herold der zivilen 10 Gebote – das fände der Moralist eine angemessene Berufsbezeichnung für sich selbst. Aber da macht er kein Aufhebens, um Titel, sofern er der guten Sache dienen kann, und die Ehrenpromotion in nicht allzu ferner Ferne bleibt. Denn im Studium war er engagiert, da blieb keine Zeit für Anderes.
Aber zur Literatur: Der Moralist ist Adolf Hitler spinnefeind, und doch zutiefst ergeben, denn ihm verdankt er sein Auskommen. Seit er denken kann, müht er sich um Engagement in der Literatur, lobt selbiges, sofern er es aufspürt, entsetzt sich, im gleichen Grad, über reaktionäre Tendenzen und beweißt sich so Tag für Tag als strikter Gegner des Nationalsozialismus und Widerstandskämpfer der borstigsten Art.
Bei gegenwärtigen Diktaturen ist er vorsichtiger, denn deren Handlanger lassen es sich gern angelegen sein, einen wie ihn mit Gewalt mundtot zu machen. Und zum Helden, das gibt er gern zu, fehlt ihm das Format. „Es muss auch solche geben wie mich“, scherzt er dann gern und meint es sehr ernst. Sehr, sehr ernst. Schließlich war er einer der ersten, der die Petition für ein behindertengerechtes Treppenhaus im Verlagsgebäude unterzeichnet hat.
Auch kein Wort gegen den Islamismus, zum einen, weil es noch nicht ganz ausgemacht ist, ob die Zukunft Europas nun einen christliche oder eine islamische sein wird, und zum zweiten natürlich, weil er sich um seinen körperlichen Fortbestand sorgt, denn wer sonst sollte den Zeigefinger heben, wenn es etwas zu reklamieren gibt: die Schöpfung ist so voller Fehler, aber auch voller Schönheiten.
Das meint er sehr konkret, denn der Moralist ist ein großer Frauenliebhaber, deswegen ist er gern auf Messen und Lesungen zu finden, gehässige Gegner, und deren hat er viele in vielen Lagern, vermuten, dass er allein deswegen Bücher schreibt. Erschlichene Kopulationen - über die er gentlemanlike schweigt, sofern er nicht gefragt wird.
Der Moralist in der weiblichen Variante nennt sich geschlechtslos der oder die Gender. Über sie oder ihn ist nicht viel mehr zu sagen, als dass sie oder er sadomasochistische Praktiken im Privaten durchaus für zulässig hält – schlicht eine Forderung der sexuellen Toleranz -, im Literarischen allerdings für unzulässig obszön, wenn nicht gar unzumutbar pornograpisch.
Der Moralist ist da ganz und gar ihrer Meinung, da auch Zwitter.
Zurück zur Literatur: Obwohl nicht selbst Jude, amtiert der Moralist doch gern als Jude, und als Sachverständiger in allen Fragen der Verfolgung, der üblen Nachrede oder des erzwungenen Sexualverkehrs. Er ist zur Stelle, wenn es Wehrmachtsverbrechen zu brandmarken gilt, polizeiliche Übergriffe im Straßenverkehr, inhumanitären Strafvollzug, weshalb er auch durchaus für einen haftverschonenden Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen aus Migrationsmilieus plädiert, nicht zuletzt in der Hoffnung bei einer nächtlichen Begegnung wieder erkannt und, nach Hinterlassung des Portemonnaie, körperlich verschont zu werden. Denn er wird gebraucht. Gerade in solchen Debatten.
Der Moralist redet gern und viel und mit Nachdruck. Starker Ausdruck, aber schlechter Stil – was er sich selbst als Kompliment anrechnet, denn er hält Stil für ein aristokratische Überbleibsel, das nicht genau zu verorten ist, und verachtet Talente zutiefst, es sei denn sie sind weiblicher Natur, und nicht zu extrem geraten.
Geschenktes nicht Erarbeitetes ist ihm zuwider, weil per se amoralisch.
Prosa ist Fleiß, deshalb fördert er gern junge Autorinnen, was ihm das zweifache Vergnügen des ermunternden Tätschelns wie der Förderung von ihrem Talent nicht sonderlich Geforderter beschert, weil junge Autorinnen sich in der Regel sehr scheuen, dass jemand an ihnen Anstoß nehmen könnte, ein, zwei Herren in der Jury ausgenommen. Was sie aber nie zuließen, da sonst ihr Talent und ihr Aussehen in einen hormonellen Zwiespalt gerieten, dem sie literarisch nicht gewachsen sind. Der Moralist übrigens auch nicht.
Ja, sehr wohl, der Moralist schreibt, nicht sehr gut, aber engagiert. Er schreibt gern über sein eigenes wechselvolles Leben, oder über seine Arbeit in Redaktionen, die weit weniger dem Ideal verpflichtet waren als er selbst, und ihn folglich feuerten, was aber auch an seine egomanischen Rigorosität gelegen haben mag. Denn der Moralist ist nur der Wahrheit und nichts als der Wahrheit verpflichtet. Und seinem eigenen Fortkommen, denn das geht logischer Weise Hand in Hand.
Zurück zur Literatur. Der Moralist ist sich seiner Ausdrucksschwäche so sehr bewusst, dass er nicht umhin kommt, sie ständig anzusprechen. Sperrige Wahrheiten, so posaunt er denn Jericho gedenkend, gehören sperrig formuliert. Wahres wichtig gesagt. Ohne Ausrufezeichen spricht er ungern. Fragezeichen dienen der Koketterie. Der Punkt gehört in die Mathematik. Das Semikolon ist ihm verdächtig akademisch.
Seine Bilder sind meist schief, um nicht durch ihre eigene Gefälligkeit von der Kernaussage abzulenken.
Und auf die Aussage kommt es ihm an.
Von Zeit zu Zeit entfacht er eine Debatte, in der er dann Positionen verficht, meist an der Seite eines berühmten Schriftstellers oder Philosophen, um sich seiner eigenen Bedeutung und der der Sache zu versichern.
Oder er hält Vorträge. Und der Moralist trägt gern vor, nicht nur zur Freude der Zuhörer, denn ein Vortrag, so die immer gleiche Einleitung, muss dem Zuhörer auch etwas abverlangen dürfen: Geduld, vor allem, und der Wille sich mit dem Vertrauten vertraut zu machen, auf das sich die Wahrheit einschleife. Denn wo der Wille zur Mündigkeit fehlt, ist Wiederholung Pflicht. So mahnt er, beständig, denn als Mahner möchte er wahrgenommen werden.
Der Moralist ist – trotz unangenehmen Äußeren – sehr eitel, weil er glaubt, Schönheit komme von innen. Insofern hat er auch keine Berührungsängste bei Frauen, er tatscht ihnen, Sonderform des Applaus, sogar hin und wieder gern auf die Schenkel, unterhalb des Tischs versteht sich, um sich ihrer Moral zu versichern.
Aber zurück zur Literatur. Der Moralist regt sich immer auf. Das ist nun mal sein Beruf, deswegen kommt er kaum zum Lesen. Was nicht weiter schlimm ist, denn es gibt diese heilige Allianz des moralischen Kritikers mit dem moralischen Autor, die ein Leben lang hält – zum Vorteil beider. Denn beide ersparen sich Neugier, garantieren Permanenz der Anschauung, sowie eine geregelte Prämien- und Preisvergabe. Und irgendwann wird er, der moralische Kritiker, die Biographie des moralischen Autors schreiben, und Hand in Hand werden sie so die heiligen Hallen des literarischen Olymps durchschreiten und dort ankommen, wo sie keiner erwartet, im Vergessen.
Der Jungkritiker
Er mag alle Kollegen, auch die bei der Boulevardpresse, denn jeder könnte Kollege eines Kollegen sein, wann auch immer, wo auch immer. Er mag überhaupt alles, ob Mickey Mouse oder Machiavelli, und was andere als objektvergessene Nivellierung empfinden würden, ist für ihn die postmoderne Basis des universellen Transfers.
In Bewegung bleiben – jonglieren, denn der Jongleur ist der Zarazustra des 21. Jahrhunderts. Da ist kein Seil mehr gespannt von hier nach dort, auf dem es zu tänzeln lohnte. Es sind keine Wege mehr zu gehen, keine Gipfel mehr zu erreichen: nur noch die Dinge hier und der Jongleur da. Kein bestirnter Himmel, keine glühende Hölle, nur noch postmoderner Verdruss über die Moderne, den es in feuilletonistisches Zeilengeld umzumünzen gilt.
So oder ähnlich würde der Jungkritiker sich porträtieren, wenn er dazu aufgefordert würde, ein wenig wehleidig, ein wenig vage im Denken, aber nicht ohne Anmut im Ausdruck.
Der Jungkritiker kommt meist aus gutem Haus, nicht selten ein Professorenhaushalt oder ein redlicher Kleinunternehmer. In Abstoßung davon plant er sich selbst eine Künstlerlaufbahn mit deutlichem Einschlag ins Bohemehafte, schreibt früh wie Kafka, musiziert jung wie Mozart, und ist doch seiner Talente unendlich überdrüssig, weil er sich viel lieber dem vollen Leben, in Gestalt seiner Musiklehrerin, an die Brust werfen würde – um dort ödipal zu verharren.
Der Jungkritiker hat eine tief wurzelnde Angst, alt zu werden. Was bedeuten würde, in die größeren Fußstapfen seines Vaters zu treten, in beruflicher Sicht, und in privater Perspektive: Geschlechtsverkehr auszuüben. Beides ist ihm gleichermaßen zuwider, denn dies paraphierte die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, und somit die Verengung der unendlichen Zahl seiner Existenzen auf die unmögliche Eine.
In seiner Zutraulichkeit dient sich der Jungkritiker, wiewohl selbst noch ohne Berufserfahrung - zwei, drei brillante Artikel in Schüler- und Studentenzeitungen ausgenommen - gern den Erfahrenen an, zum einen, weil er überzeugt ist von der Notwendigkeit der Anlehnung an sich, und zum zweiten weil er in Erwiderung dieser Anlehnung Förderung erwarten darf. Früh umwirbt er die Literatur- und Textschaffenden, brieflich, mündlich, unter dem Vorwand Auskunft zu suchen über dies und das, erscheint bei Lesungen, verharrt dort, sucht das Gespräch, lässt signieren, meist gleich mehrere Bücher des Autors, bringt den Wein, bricht das Brot, zeigt ein Poem, und nimmt auf diese Weise dem Wort Entourage seinen faden Beigeschmack.
So kommt es, dass er durch die Protektion des ein oder anderen, in dieser oder jener Redaktion als Jungkritiker beginnt, im Praktikum zunächst, und dort als solcher auch endet, nicht ohne seinen Namen beharrlich in den Schnee geschrieben zu haben, wie er es mit durchaus koketter, weil verspielt sentimentaler Erkenntnis seines selbstlosen Selbst formulieren würde. Und das Saison für Saison.
Denn nichts liebt der Jungkritiker mehr als den Wechsel der Themen wie des Personals, den der Markt fordert. Und so kreiert er – in Kooperation mit Verlagen und Personalityagenturen - Autorenpersönlichkeiten im Instantverfahren.
Dieser sogenannte Held der Stunde überlebt kaum den Tag und ist doch das Talent des Jahrzehnts: Jede Saison erscheint der talentierteste Roman je. Und da der Jungkritiker als Augenzeuge dieser jungfräulichen Geburt allein letztlich nicht prominent genug ist, was er sehr wohl weiß, trachtet er fortwährend nach Allianzen mit prominenten Meinungsträgern, bevorzugt Philosophen, Großschriftsteller oder Schauspieler. Denen dient er sich mitsamt dem Buch der Stunde an, zettelt gern auch kleinere Debatten an, Schaukämpfe, die der Arena zuliebe inszeniert werden. Zuweilen bedient er sich da des Moralisten, aber nur im machiavellistischen Sinn.
Eine Meinung ist nur insofern eine Meinung, als sie die Position sichern hilft und das Publikum charmiert, darin sieht er ja den Vorzug der Postmoderne, dass es einem freigestellt ist, die jeweils dienlichste Meinung sich auf Zeit anzueignen.
Der Jungkritiker scheut sich durchaus nicht, sich gegen einstige Weggefährten zu wenden, wenn es die Pointe verlangt: „Popautoren unter Klonverdacht“, denunziert durchaus die Wohlfühlschreibe der Turnschuhträger, wenn er eine neue Ernsthaftigkeit en vogue glaubt, „bisher war doch alles nur Vorspiel“, und würde als erster wieder die Kehrtwende mit vollziehen, wenn eine zentrale Intelligenzagentur zum Vergnügen der Großstädter einen neuen, postmodernen Dadaismus proklamieren würde – alles im Rahmen feuilletonistischer Vermarktbarkeit.
Schon aus Prinzip übernimmt er für seine Meinung keine Verantwortung. Kann er gar nicht, darf er gar nicht. Die Konvention des Tages erklärt er zur authentischen – das ist sein Beruf.
Der Jungkritiker liebt Buchmessen, Talkshows, Literaturwettbewerbe, denn er ist gern geistreich in der Öffentlichkeit, zumal in Begleitung Erwachsener.
Da mögen noch so viele Jahre ins Land gegangen sein, der Jungkritiker hakt sich noch immer gern bei Älteren unter, nicht zuletzt weil er sich kaum auf den eigenen Beinen zu halten vermag, wenn es ans finale Urteilen geht. Blass nicht in Gedanken an das Blut das bei einer Hinrichtung fließen wird, oder dem Weihrauch der Huldigung eines homo novus, der atemberaubend in den Verkaufsrängen emporsteigt, nein blass im Gedanken daran, er könne es sich durch sein Urteil mit irgendeinem aus dem Betrieb verscherzen, auf dessen Protektion er bei seiner Freisetzung angewiesen sein könnte.
Denn diese Angst treibt ihn um, hält ihn infantil, dass er selbst ein bewegliches Gut ist, nicht zuletzt deshalb trägt er noch immer gern Turnschuhe, weil er, wenn er denn kommt, er hurtig dem neuen Stellungsbefehl zuvorkommen will, so als sei es seine eigene Entscheidung, wohin er denn geht und was er schreibt.
Um sich den Kummer über diese seine existentielle Ungebundenheit ein wenig zu versüßen, ist er ist unglaublich gern selbstironisch, zumal ihn das von der Pflicht entbindet, sein Tun ernst zu nehmen und jederzeit einen artistisch verantwortbaren Wechsel der Meinung oder der Konfession zulässt.
Da er immer so im Ungesicherten haust, beruflich wie inhaltlich, gibt er sich – stilistisch – im Alter zunehmend gesetzter in seinen Worten, altväterlich zuweilen, was ein wenig seltsam mit seiner eigentlichen Berufung als Jungkritiker kontrastiert, denn meist hat er ja – aufgrund des früh erkannten und geförderten Talents - keinen oder einen nur sehr unzureichenden akademischen Abschluss, was ihm nun – im zunehmenden Alter und bei größer werdender Konkurrenz nachwachsender Jungkritiker - ein wenig sauer aufstößt.
Bislang hat er den großen Essay, das kleine Vademecum noch immer vor sich her geschoben, weil ihm das Tagesgeschäft keine Luft ließ, aber nun, da sein Vertrag ohnehin nicht verlängert wird, ist die Gelegenheit da, eine Auszeit zu nehmen, denn als Autor, wenn nicht gar als Erzähler hat er sich noch nicht aufgegeben, nie aufgegeben.
Aber er versteht nichts von Geschichte, dazu war er – das würde er jederzeit selbstkritisch zugeben – zu sehr im Tagesgeschäft involviert. Zudem hat sich der Begriff Geschichte als solcher in der Postmoderne ohnehin erübrigt. So arbeitet ihm die Zeit zu, was ihn seltsam nachhaltig stimuliert. Er wittert die Chance seinen Vater, allen Vätern und Onkeln, denen er sich in Ermangelung einer eigenen tragfähigen Statur hatte anschmiegen müssen, nun doch noch übertrumpfen zu können, durch seinen kleinen ganz privaten Turmbau zu Babel. Also schreibt er – ein Sandkastenspiel - selbst eine Geschichte. Seine ganz private Literaturgeschichte, in der Attitüde des Großmeisters, aber mit kindlichem Silbenfall: Den mag ich, und den mag ich nicht …
Eine endlose Reihe, denn seine Wirbelsäule hat sich durchs Schreiben derart flexibilisiert, dass ihm das serielle Bücken zur geschätzten Gewohnheit geworden ist: in einer Bewegung vermag er so dem vor ihm Stehenden seinen Respekt zu versichern und dem ihm Nachfolgenden sein wahres Gesicht zu zeigen.
Der Fleißige
Ohne ihn ginge nichts. Er schichtet und sichtet die Berge unverlangt eingesandter Bücher und Manuskripte, schenkt seine überzähligen Rezensionsexemplare beharrlich der öffentlichen Bücherei, die sie ohne großen Dank entgegen nimmt und umgehend zu den nicht katalogisierbaren Exoten in den Keller verschiebt; er müht sich Jahr für Jahr durch die Messeflure zu den in- und ausländischen Kleinverlagen, stellt Menschen in den seltsamsten Sprachen zur Rede, liest Lyrik, die sich nur dem Lyriker entschlüsselt, und himmelschreiend prosaische Prosa; er schreibt Nachworte zu vergessenen und Vorworte zu nie reüssierenden Autoren, er ist der Kartograph des Ungelesenen, Landvermesser aller literarischer Provinzen, und kennt sich dort aus, wo auszukennen kein Kenner sich je seiner Kennerschaft rühmen würde; als Entwicklungshelfer in Sachen Literatur treibt es ihn in die unwirtlichsten Lokale, zu rüpelhaften Talenten und hoffnungslosen Hoffnungsträgern, die ihn umgehend als ungekannt verabschieden, sobald der Erfolg ihnen die Augen für seine Unbedeutendheit öffnen. Zuweilen führt er ein Tagebuch seiner abwegigen Lektüren und befremdlichen Begegnungen, aber er klagt nicht, dafür fehlt ihm die Zeit und die Eitelkeit, und so erträgt er auch geduldig die Häme der glamouröseren Kollegen und der knausrigen Chefredakteure, nimmt sie nicht einmal zur Kenntnis, denn seine Gedanken gelten stets dem einen großen Ganzen; in seinen Mußestunden recherchiert er das Leben seines Lieblingsautors von Tag zu Tag, und ist auch dort noch am Nachforschen, wo sich beamtete Wissenschaftler längst absentiert haben; er ist ein Meister der Fußnote und Hunderte davon finden sich in seiner nie zur Annahme gelangten Dissertation „Zwanzig Mutmaßungen über das verschollene Logbuch des Luftschiffers Giannozo, nebst einer eigenhändig gezeichneten Karte über den vermutlichen Auffindungsort; als trüffelkundiger Entdecker wird er von Kollegen und Lesern geschätzt, wiewohl sie hinter vorgehaltener Hand bemängeln, dass es über ihn selbst eigentlich nicht viel mehr zu sagen gibt, als dass er fleißig sei – was ein einvernehmliches Schmunzeln hervorruft, das ihn wiederum nicht weiter schert, denn in Reinform ist der fleißige TagfürTagleser ohnehin so gut wie nie anzutreffen – aber ein wenig von ihm steckt in allen Tag-für-Tag-Lesern.
Thilo Sarrazins Unterstellung, die Deutschen werden immer dümmer, wird durch die Debatte um sein Buch zur Gewissheit.
Protestkultur, domestizierte. Der stillschweigende Konsens, die Strukturen unangetastet zu lassen.
Jonathan Meese et al. Noch immer profitieren sie vom Nationalsozialismus, ideell wie materiell. Und die Scham darüber - empfinden sie für andere.
„LA TORTURA NO ES CULTURA“. Protestbanner der spanischen Tierschützer gegen den Stierkampf.
„Tierschutzgerechte Bolzenschussbetäubung
Stellungnahme des BgVV vom Juni 2001
Tierschutzwidrige Zustände bei der Rinderschlachtung
Videoaufnahmen des österreichischen Tierschutz-Dachverbandes, die im Mai/Juni 2001 im Fernsehen ausgestrahlt wurden, prangerten tierschutzwidrige Zustände bei der Schlachtung von Rindern an. Zwar wurden die Tiere vor dem Einhängen ins Schlachtband mit dem Bolzenschussgerät betäubt. Sie waren aber beim Anlegen des Entblutungsschnittes offenkundig bereits wieder bei Bewusstsein. Sie zeigten spontanen Lidschlag, gerichtete Augenbewegungen und hoben den Kopf. Zudem reagierten die Tiere auf den Entblutungsschnitt mit heftigen Bewegungen und sogar Brüllen.“
Bildungsbürgerliches Synonym für Voyeurismus: Kultur des Hinschauens.
Kollektives Ausschlachten. Und täglich wird ein anderer durch die Arena getrieben. Nicht wenige traben stolz.
Der gängigste soziale Schmierstoff derzeit? Häme.
Warum lacht die Hyäne? Um Verstärkung anzufordern. So vertreiben sie den Löwen.
Warum hast du mich angelogen? Weil ich dachte, du vertraust mir!
Was für ein Autorensterben derzeit, vor der Zeit. Wer liest noch Handke, Strauß, Grass?
Ohne gute Leser keine guten Bücher. Das vergessen Autoren zuweilen.
Gender: Die großen Dichtungen gründen in der Tragik, dass unser Geschlecht nicht wählbar ist.
Buchwerbung im öffentlichen Raum, großformatig plakatiert: „Er entführt sie. Er quält sie. Er läßt sie langsam sterben …“ Tote Stimmen von Steve Mosby.
Schlagzeilen, die nicht sonderlich überraschen: Englische Hummeln fliegen auch im Winter.
Die Volksmeinung gilt hierzulande nichts, wenn sie nicht mit der Meinung der Meinungsmacher übereinstimmt.
In der Figur des Harald Schmidt ist es dem deutschen Spießer gelungen, sich selbst zum Hofnarren zu machen.
Ein Blick in Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" - und alles heuchlerische Erstaunen über die jetzigen Untaten der Kirchenmänner erübrigt sich.
Bernard-Henri Lévy zitiert in seinem jüngsten Buch das Werk eines gewissen Jean-Babtiste Botul, Titel: „Das Sexualleben des Immanuel Kant“. Der Autor ist eine Erfindung des Satiremagazins „Le Canard Enchaîné“. Nein, nicht Bernard-Henri Lévy, Jean Babtiste Botul.
Nun also eine Biographie über Eva Braun. Der Historikerin Heike Görtemaker gelingt es, so rühmt Elisabeth von Thadden, eine Frau sichtbarer zu machen, „die an der Verfertigung der Figur Hitler aktiven Anteil hatte: durch ihre eigenen Fotos und Filme, aber besonders durch eine Treue, die dem Verantwortlichen für Abermillionen von Morden bis zuletzt erlaubte, an dem wahnhaften Kult um seine Figur festzuhalten. Diese Eva Braun wird man nicht als harmlose Mätresse exkulpieren können. Sie hat Hitler bis zur Eheschließung und der unmittelbar darauffolgenden Doppelselbsttötung als Frau an seiner Seite tätige Unterstützung gewährt. Bis zuletzt hat sie Champagner, teure Mode und Lippenstifte genossen, das ganz Programm, das weder zur nationalsozialistischen Weiblichkeitsideologie passte noch zur erbärmlichen Wirklichkeit.“
Demnächst dann: Helene Maria von Exner, Constanze Manziarly, Christa Schroeder …
Und: Der Film.
Was die Literaturgeschichte der letzten dreißig Jahre lehrt? Männer verzweifeln an der Welt, Frauen an ihrem Ego.
Das Missverhältnis zwischen Bedeutung und Beachtung ist die einzige Konstante im Kulturbetrieb.
Misogyn sind derzeit nur noch die Frauenzeitschriften.
Unbemerkt starben hierzulande die Dichter aus.
„Was verstehen Sie unter Liebe?“ „Ich verstehe darunter vor allem das aufmerksame Beantwortetwerden durch den Partner, der die persönliche Entwicklung unterstützen kann, weil man sich ihm öffnet.“ Man stelle sich vor, diese Antwort hätte nicht der renommierte Beziehungstherapeut Jürg Willi gegeben, sondern Don Quijote oder Tristan.
Es gibt keine metaphysische Fallhöhe mehr. Nur noch den Treppensturz.
What happend to the american dream? It came true. Watchmen
Gotteskrieger: „Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!“ Diese Bibelstelle fand sich bislang auf den Zielfernrohren zahlreicher Präzisionsgewehre des US-Herstellers Trijicon, die in Afghanistan und im Irak eingesetzt werden.
„Was für ein Ereignis: Siv Hustvedt erforscht die Medizingeschichte am eigenen Leibe“, applaudiert Elisabeth von Thadden. Als herrschte derzeit Mangel an Autopsie, Hysterie, Seelensoaps.
Literatur war schon immer Selbstpreisgabe, Prostitution. Der Skandal daran ist die Skandalisierung selbst. Frauendarstellerinnen wie Charlotte Roche, Sarah Kuttner, Helene Hegemann – sie glauben sich vorzuführen, tatsächlich werden sie vorgeführt. Und fallengelassen, wenn ihr Skandalwert erschöpft ist. Besser gesagt: Übertrumpft werden muss. Viel Spielraum bis zum live stenografierten Kindesmissbrauch bleibt da nicht mehr.
Der Begriff „Fräuleinwunder“ offenbart erst jetzt, mehr als zehn Jahre danach, sein ganzes ironisches Potenzial.
Desgleichen: Pop-Literatur.
Jedes Jahrzehnt ein Dutzend literarischer Jahrhunderttalente.
Komplementärerscheinungen: Mr. Methan, der Kunstfurzer. Zur Empörung der feuilletonistischen Seifenbläser im Halbfinale der Show „Das Supertalent“.
Gaddafi führt im Kreis einer handverlesenen Schar junger Frauen aus, dass an Jesu statt ein anderer gekreuzigt wurde. Und?
Was hast du gesucht? Ein Gesicht für mein Leben. Charles Matton
Die Meister des rhetorischen Spagats, bei dem man sich komplett die Hoden plättet.
Zu viele Autoren, die mit der Hand in der Hose schreiben.
Die mythologischen, religiösen, geistesgeschichtlichen Hallräume der Literatur sind für die nachfolgenden Generationen verschlossen. Aus der n-dimensionalen ist eine eindimensionale Literatur geworden. Irreversibel.
Weibliche Serientäter finden sich ausschließlich in der Literatur.
Jedes Leben hat eine existenzielle Pointe. Nur können die wenigsten darüber lachen.
Das Honorar der Schauspieler ist ein durchaus angemessenes Schmerzensgeld für ihren Verzicht auf Charakter.
Das hat selbst Hitler nicht verdient. Von Bruno Ganz gedoubelt zu werden.
Michael Krügers literarische Bedeutung als Lyriker endet mit seiner Pensionierung als Verlagschef.
Elke Heidenreich: Das war die Auflösung der Literaturkritik in Tratsch. Irreversibel.
Wollte man die literarische Bedeutung eines Autors nach der Summe der erwirtschafteten Preisgelder bemessen, dann wäre Genazino ein ganz großer.
Die Zahl der Wohltätigkeitsveranstaltungen nimmt zu. Und die der Armen auch. Woraus zu schließen ist, dass sich die einen zunehmend auf Kosten der anderen amüsieren.
Der Richter hat entschieden: Das Buch verunglimpft nicht. Die Literaturkritiker haben mehrheitlich entschieden, der Roman verunglimpfe. Fazit: Das Urteil der Kritiker war ein verunglimpfendes. Ein den Autor verunglimpfendes.
Dass der Publikumspreis in Klagenfurt am schlechtesten dotiert ist, sagt alles über Klagenfurt.
Was schlechte Kritiker und schlechte Autoren eint: Sie schimpfen über die Bundesbahn.
Worüber wird diskutiert? Über das Stadtschloss. Nein, über seine Fassade.
Die Bilanz der letzten Jahre legt nahe, dass Berlin nicht von Berlin aus regiert werden kann.
„Was ist für Sie, Katja Riemann, das größte Unglück?“ „Marlon Brando nicht als jungen Mann persönlich kennengelernt zu haben.“ „Und Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?“ „Gott.“
„Vor einigen Jahren wurde ein Priester, unsittlicher Vergehen halber, auf einem Karren durch die Straßen Neapels gefahren. Unter Verwünschungen zog man ihm nach. An einer Ecke zeigte sich ein Hochzeitszug. Der Priester erhebt sich, macht das Zeichen des Segens, und was hinter dem Karren her war, fällt in die Knie.“ Walter Benjamin, Neapel (1924)
Mehr als 1, 1 Milliarden Euro haben die irischen Steuerzahler für die Entschädigung von 14000 Opfern bezahlt, die zwischen 1936 und 1999 in kirchlichen Erziehungsheimen mißbraucht wurden. Die katholische Kirche zahlte 128 Millionen.
In dem 2600-seitigen Untersuchungsbericht über die Vorfälle wird keiner der Täter namentlich genannt. Der Hauptbetreiber der Heime, der Orden „Christian Brothers“, hatte vor Gericht ihre Anonymität erstritten.
Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen: „Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlecht zu machen. Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen.“
Affen äffen nicht nach, und: „apes don’t point for apes“
Berlin haftet für die Publikumsfonds ihrer landeseigenen Banken mit jährlich 300 Millionen Euro. 25 Jahre garantieren die Banken Mieteeinnahmen bei Immobilien, deren Wert schon bei Zeichnung der Fonds überhöht angesetzt wurde. 70.000 Anleger profitieren von den Fonds. 3, 4 Millionen Einwohner sind von den Einsparungen betroffen.
„Was in Berlin in den letzten Jahren gebaut worden ist – schauderhaft. Diese Bauten erzählen von der Angst. Berlin ist eine Stadt der Angst.“ Philip Johnson, Architekt.
„Das Schloss war in Wahrheit ein elender Kasten, ich habe ihn ja noch selbst gesehen. So grob und unproportioniert. Selbst Schinkel konnte sich damit nicht anfreunden. Ich glaube, er wäre froh gewesen, das Schloss abreißen … zu dürfen.“ Philip Johnson, Architekt.
Holocaust-Mahnmal: „Welche andere Nation würde der eigenen Schande ein Denkmal setzen?“ David Hare
Da heißt es in einer Anthologie von „99 Autorinnen der Weltliteratur“ selbstredend herausgegeben von Autorinnen, noch dazu in einem renommierten Verlag: „Helden des männlichen Selbstwertgefühls wie Jünger, Benn und Hemingway bestücken mit ihrer leicht ranzigen Erhabenheit oder testosterongeschwängerten Angriffslust selten weibliche Bibliotheken, während umgekehrt Austen und Barnes, Levi Varnhagen und Morgner in männlichen Bibliotheken wohl eher aus Versehen zu finden sind.“
Man versuche die Umkehrung: „Heroinen des weiblichen Selbstempfindens wie Austen, Barnes und Morgner beglücken mit ihrer recht fischigen Anschmiegsamkeit oder östrogengedeckelten Devotheit selten männliche Büchersammlungen, während umgekehrt Jünger, Benn und Hemingway wohl eher aus Versehen auf den weiblichen Nachttischen zu finden sind.“
Noch jeder hat sich bisher den Literaturnobelpreis verdienen können. Kommentar sinnlos.
So zeigt sich Felicitas von Lovenberg auch einfach nur sprachlos vor Rührung: „‘Ich wünsche mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen aller Tage, bis heute, die Würde nimmt. Und sei es die Frage: Habt ihr ein Taschentuch?‘ Mit ihrem Werk hat Herta Müller die Fürsorge und die Zärtlichkeit, die in dieser Frage stecken, nicht nur den Unterdrückten, Verschleppten und Verlassenen, sondern all ihren Lesern mitgegeben.“
Und Iris Radisch stimmt ein: „Dieses dingmagische Taschentuch, das bereits in Müllers Tübinger Poetikvorlesungen im Jahr 2001 eine tragende Rolle spielte, ist als Held der Nobelpreisrede glücklich gewählt.“